Juli / August 2025
MUTUA
Becoming By Living Together
Technische Universität Dresden
Diplom
26.03.2025
Professur für Gebäudelehre und Entwerfen: Wohnbauten, Prof. Katharina Löser, Prof. Johannes Lott
Wohnbauten
ARCHICAD
Das Sendlinger Loch: eine zwölf Meter tiefe Baugrube mit spiegelnder Wasserfläche, gefasst von Bohrpfahlwänden – roh, still, fast surreal. Der Ort wird geprägt durch eine fragile Harmonie zwischen Natur und Konstruktion. Die Grubentiefe wird nicht als Defizit, sondern als Ressource begriffen, die neue Schichten Stadt ermöglicht, ohne das Bestehende zu überbauen.
Während die kurzen Seiten der Baugrube bewusst offen bleiben, werden die Längsseiten jeweils durch eine Riegelstruktur bespielt. Der zur Straßenseite hin orientierte Wohnriegel birgt temporäre Wohnformen für Menschen im Übergang. Ergänzt wird dieser durch eine leichte Gerüststruktur, die Straße und Garten verbindet. Rückseitig entsteht der Wohnriegel Mutua – ein Wohnkonzept, das Care-Arbeit teilt, soziale Isolation aufbricht und FLINTA-Personen ein selbstbestimmtes Wohnen und Altern ermöglichen soll. Der Name entstammt dem spanischen mutualidad – Gegenseitigkeit und Fürsorge. Architektur ist hier mehr als Hülle: Sie schafft soziale Strukturen, die Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen.
Ausgangspunkt ist die weiblich geprägte relative Armut in Deutschland. Laut Paritätischem Gesamtverband 2024 sind besonders Frauen über 65, alleinerziehende Mütter und Kinder betroffen. Diese Armut zeigt sich nicht nur in materiellen Mängeln, sondern vor allem in sozialer Isolation. Klassische Wohnmodelle folgen dem Bild der Kernfamilie. Wer nicht dazugehört, fällt heraus. Sorgearbeit wird vereinzelt, in private Räume gedrängt – soziale Teilhabe und Erwerbsarbeit werden erschwert. Soziolog:innen beschreiben diesen Zustand als selbstverstärkenden Zyklus aus Scham und Resignation. Das Zuhause wird zum Schutzraum und zur Falle.
Mutua setzt hier an: Alltagsbelastungen und Verantwortung werden geteilt. Es entstehen fließende Räume, in denen Rückzug und Gemeinschaft nebeneinander bestehen. Die oberen Geschosse konzentrieren sich auf geteilte Fürsorge mit gemeinschaftlichen Wohnformen für Mehrgenerationen-WGs und Alleinerziehende. Dort entsteht ein unterstützendes Netzwerk. Die mittleren Geschosse sind eigenständiger, verfügen aber über vorgelagerte Gemeinschaftszonen mit kollektiven Küchen, die ungezwungenen Austausch ermöglichen. Rückzugsorte bleiben zentral: Jede Wohnung bietet Ruhe – für Mütter allein oder mit Kind. Gleichzeitig wächst die Möglichkeit, Fürsorge im gemeinsamen Wohnzimmer zu teilen.
Die Architektur greift die Sprache der Baustelle auf: Schalung, Gerüst, Stützwand – Symbole des Übergangs werden neu gedacht. Massives trifft auf Leichtes, Raster auf Offenheit. Wiederholung und Pragmatismus werden zur Form. Der Garten dazwischen bricht diese Strenge. Er nimmt den Wildwuchs auf, wächst aus der Tiefe zurück in die Stadt. Regenwasser wird gesammelt, zirkuliert und nährt – der Garten wird Teil eines ökologischen Kreislaufs.
Das Sendlinger Loch bleibt rau und anders – wird aber lebendig. Ein Ort, der nicht füllt, sondern öffnet. Ein neues Bild des Miteinanders.
Text von Jaleesa Menschel.