Juli / August 2025
Berliner Hochschule für Technik
Mach dir keene Platte!
Neue Perspektiven für eine Plattenbausiedlung in Schwedt/Oder
Berliner Hochschule für Technik
Master
03.06.2025
Entwerfen und Konstruieren im Bestand, Prof. Matthias Haber / Baukonstruktion und Entwerfen, Prof. Ayse Hicsasmaz-Heitele
Wohnbauten
Archicad, Indesign, Illustrator, Photoshop, Lightroom
Fast die Hälfte aller Gebäude in Deutschland stammt aus der Zeit zwischen 1949 und 1978. Der Wohnraummangel nach dem 2. Weltkrieg führte europaweit zum Bau großflächiger Neubausiedlungen mit standardisierten Plattenbauten. Heute sind viele dieser Gebäude gealtert, baufällig oder nicht mehr zeitgemäß, dazu kommen gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse. Vor diesem Hintergrund rückt die Frage nach dem Umgang mit diesen Gebäuden weiter in den Fokus. Statt einem emissions- sowie Abfall- und ressourcenintensiven Abriss und Neubau sollte angesichts der sozial-ökologischen Krise der Fokus auf den Erhalt und die Transformation dieser Gebäude gesetzt werden.
In dieser Hinsicht weist die Stadt Schwedt/Oder ein besonderes Potenzial auf. Etwa 80 km nordöstlich von Berlin wuchs sie ab 1960 durch den Bau des Erdölverarbeitungswerks (heutige PCK Raffinerie GmbH) rasant. Der damit verbundene Bevölkerungszuwachs führte zum Bau von acht Wohnkomplexen. Nach der Wiedervereinigung prägten Abwanderungen, Wohnungsleerstand und Abrissmaßnahmen das Stadtbild und hinterließen einen bis heute fragmentierten Stadtgrundriss.
Das Projekt Mach dir keene Platte! beschäftigt sich mit der Transformation einer bisher unsanierten Plattenbausiedlung im Stadtteil Kastanienallee. Am Beispiel dieser P2-Plattenbauten werden Strategien für die sozial verträgliche und ressourcenschonende Weiterentwicklung des Bestandes entwickelt. Durch gezielte Maßnahmen soll die Wohnqualität verbessert, der soziale Zusammenhalt gestärkt und ein lebenswertes Quartier für alle Generationen geschaffen werden. Die entwurflichen Maßnahmen werden in drei verschiedene Betrachtungsebenen aufgeteilt: der Innenhof, die Felchower Straße und die Wohngebäude:
Im Innenhof entsteht eine grüne Oase mit großzügiger Bepflanzung, neu angelegten Gemeinschaftsgärten und Feuchtgebieten, die für Verdunstungskühle sorgen. Es entsteht ein klimaresilienter Lebensraum für Flora und Fauna.
Die Felchower Straße wird durch die Neugestaltung der Gehwegzone, öffentliche Angebote im Erdgeschoss und die Umnutzung der leerstehenden Kaufhalle zu einem Quartiersmagneten. Bewegungs- und Freizeitangebote auf dem Grünboulevard sowie der neu geschaffene Nachbarschaftsplatz (Plaza) stärken die soziale Vernetzung und das gemeinschaftliche Miteinander im Viertel.
Eine energetische Sanierung senkt den Energieverbrauch der Wohngebäude. Eine vorgesetzte Wintergartenschicht dient als Pufferzone zwischen dem Innen- und Außenraum und ganzjährig nutzbarer Außenwohnraum. Zusätzlich ermöglicht diese das flexible Zusammenschalten verschiedener Wohneinheiten, sodass sich das Gebäude an die sich verändernden Lebensstile seiner Nutzer*innen anpassen kann. Ergänzend werden Barrieren innerhalb der Wohnungen abgebaut.
Auch wenn die entwickelten Ansätze nicht unmittelbar auf jeden Standort übertragbar sind, verdeutlicht das Projekt die bestehenden Potenziale der Plattenbauten und zeigt Wege zur Entwicklung eines resilienten Stadtquartiers auf.
Text von Charlotte Habermann.