Juli / August 2025
Co-Care
Gemeinschaftlich wohnen - Care-Arbeit kollektivieren und sichtbar machen
Technische Universität Dresden
Diplom
27.03.2025
Professur für Gebäudelehre und Entwerfen: Wohnbauten; Prof. K. Löser, Prof. J. Lott
Wohnbauten
ArchiCAD, Adobe CC, Blender
Der Entwurf Co‑Care ist ein genossenschaftlicher Wohnungsbau in der Nähe des S‑Bahnhofs Tempelhof in Berlin. Er fördert die räumliche Organisation von Care‑Arbeit mit dem Ziel, androzentristische Wohnstrukturen aufzubrechen und Wohnen auch für Sorgeleistende als Ort der Erholung neu zu denken. Das Motto „Wohnen ist Arbeiten“ der 1970er‑Jahre‑Frauenbewegung wird räumlich umgesetzt: Care‑Arbeit wird aus privaten Räumen in gemeinschaftlich nutzbare Zonen überführt.
Care‑Arbeit umfasst Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Altenpflege, Haushalt, emotionale Unterstützung und soziale Reproduktion. Sie ist gesellschaftlich strukturell unsichtbar, ökonomisch unterbewertet, meist weiblich konnotiert, schlecht entlohnt und in volkswirtschaftlichen Bilanzen nicht erfasst - obwohl sie essenziell für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft ist. Co‑Care zielt auf eine kollektive, sichtbare Neuorganisation dieser Arbeit im Wohnkontext ab.
Der fünfgeschossige Holz‑Massivbau integriert Räume mit ökologischer, reproduktiver, gemeinschaftlicher, gesellschaftlicher und selbstfürsorglicher Ausrichtung. Städtebaulich gliedert sich das Ensemble in einen Nordriegel mit verschiedenen Wohnungstypen und halböffentlicher Erdgeschosszone, einen Westturm mit Platzfläche und Café im ehemaligen Umschaltwerk, einen regionalen Markt im umgenutzten Supermarkt‑Anbau, eine Fahrradwerkstatt im historischen Gebäude und eine inszenierte Treppe als Übergang zum Tempelhofer Feld.
Zentrale Care‑Funktionen wie Waschsalon, Kinderbetreuung und eine Kiezkantine befinden sich im Erdgeschoss bzw. in einer eingeschossigen Struktur. Sie entlasten die privaten Wohnungen und fördern Gemeinschaft. Ergänzt wird das Angebot durch Urban Gardening, Co‑Working, Ateliers, Fahrradstellplätze, einen Gemeinschaftsgarten sowie Räume für Hausaufgabenbetreuung, Basteln und Musik. Die Wohnbereiche sind differenziert organisiert: Im Norden bestehen die Außenwände aus Holzrahmen mit Wellblechverkleidung, im Süden sorgt eine passive, schallschirmende Doppelfassade für Wärmepuffer im Winter und Kamineffekt im Sommer. Die Wohnformen reichen von Maisonette-Cluster‑WGs über 2-3‑Zimmer‑Wohnungen bis zu Einzimmer‑ und temporären Apartments. Laubengänge erschließen die Einheiten sowie die Gemeinschaftsküchen. Die Auslagerung der Care‑Arbeit ermöglicht kompakte private Wohnflächen.
Konstruktiv ist das Gebäude als Holz‑Massivbau geplant: Tragende Schotten bilden das statische Gerüst, schallentkoppelte Holzbalkendecken werden eingehängt. Die Nordfassade besteht aus Holzrahmen mit Wellblechverkleidung; die südliche Doppelfassade bietet Schallschutz, Belichtung und Klimapuffer.
Co‑Care ist ein räumliches Modell für solidarisches Wohnen: Es macht Care‑Arbeit sichtbar, verteilt sie gerecht und verbindet Wohnen mit Gemeinschaft und öffentlichem Raum.
Ausgangspunkt war ein Berliner Grundstück aus einem Wettbewerb der JOANES Stiftung. Der Entwurf wurde nicht eingereicht und bearbeitete nicht die Wettbewerbsaufgabe.
Text von Dorothea Harrer.