Juli / August 2025
Das Zentrum ist tot, lang lebe das Zentrum!
Transformation eines Einkaufszentrums in Wuppertal Barmen
Bergische Universität Wuppertal
Master
19.03.2025
Lehrstuhl Darstellungsmethodik und Entwerfen, Prof. Dipl.-Ing. Holger Hoffmann
Kulturbauten
Rhino 3D, Blender, Cycles, Grasshopper, Photoshop, Illustrator, InDesign
„Das Zentrum ist tot“ beschreibt zugespitzt den Wandel vieler Innenstädte und Einkaufszentren. Mit dem Rückgang des stationären Handels haben zentrale urbane Räume ihre einstige Bedeutung verloren. Einkaufszentren wirken heute oft durch ihre geschlossenen Fassaden und monofunktionale Nutzung wie isolierte Baukörper ohne Aufenthaltsqualität. Statt Orte der Begegnung zu sein, entziehen sie den Innenstädten öffentlichen Raum. Die Frage stellt sich, wie solche Gebäude zukünftig als offene, vielfältig nutzbare Räume gedacht werden können.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der Entwurf mit der Transformation eines ehemaligen Kaufhofs in Wuppertal-Barmen, der heute als Einkaufszentrum genutzt wird, sowie mit dem dazugehörigen Parkhaus. Vorgeschlagen wird eine Umnutzung zu einem Lichtspielhaus und Stadtarchiv – zwei kulturelle Einrichtungen, die aktuell neue Räume suchen. Die neuen Nutzungen sollen die sogenannte „Kulturinsel“ am Engelsgarten erweitern und gleichzeitig einen Übergang zur bislang abgetrennten Innenstadt schaffen.
Städtebaulich bleibt die bestehende Gebäudestruktur weitgehend erhalten. Lediglich die Brücke zwischen den beiden Baukörpern wird entfernt, was eine klare Trennung der beiden Nutzungen – Archiv und Kino – ermöglicht. Zudem wird durch diese Maßnahme die Nord-Süd-Sichtachse in Richtung der Talwangen geöffnet und eine stärkere räumliche Durchlässigkeit erreicht.
Als bewusste Reaktion auf die geschlossene Erscheinung des heutigen Einkaufszentrums und als Hommage an die Historie des Kaufhofs, öffnet sich der Entwurf mit einer transparenten Glasfassade zur Stadt. Dahinter wird die Innenstruktur sichtbar: komplex gefaltete Wände, die aus 3D-Scans abgeleitet wurden. Diese Scans wurden im Rahmen der begleitenden theoretischen Arbeit untersucht und im Hinblick auf das Verhältnis von Singulärem und Seriellen analysiert. Die daraus entwickelten Schnittkonturen dienten als Grundlage für die Gestaltung des Innenraums.
Das räumliche Konzept des Lichtspielhauses folgt keinem klassischen, linearen Kinotypus. Stattdessen orientiert sich das Raumgefüge an der Idee der „Field Conditions“ nach Stan Allen bzw. auch dem Konzept des glatten und gekerbten Raums nach Deleuze und Guattari. Es entsteht ein offenes System, das unterschiedliche räumliche Bezüge zulässt und die Bewegungsmuster der Besucherinnen und Besucher nicht vorgibt, sondern begleitet. So wird die Nutzung des Gebäudes als Teil eines offenen Stadtraums verstanden, der in engem Dialog mit dem Außenraum steht.
Der Entwurf zeigt exemplarisch, wie vormals monofunktionale Strukturen durch neue kulturelle Programme aktiviert werden können. Die Arbeit plädiert dafür, innerstädtische Räume nicht aufzugeben, sondern als Teil eines lebendigen Transformationsprozesses zu begreifen – in dem bestehende Substanz neu interpretiert und in einen erweiterten städtischen Zusammenhang eingebettet wird. Das Zentrum lebt – wenn es als gemeinschaftlich nutzbarer Raum weiterentwickelt wird.
Text von Jan Birkenbeul.