Juli / August 2025
Technische Universität Berlin
Lebenslabor
Weiterbauen am ULAP-Quartier
Technische Universität Berlin
Master
05.05.2025
FG Architektur der Transformation Prof. Nanni Grau; Dipl.-Ing. Olaf Grawert
Archicad, Rhino, Enscape, Adobe
Dieses Projekt hinterfragt kritisch die zeitgenössische Architekturpraxis im Umgang mit dem baulichen Erbe des Westberliner Modernismus der 1970er Jahre. Am Beispiel des ehemaligen Landeslabors Berlin-Brandenburg, nahe dem Hauptbahnhof, wird eine alternative Strategie zum Umgang mit Bestandsbauten vorgeschlagen. Während das Gebäude aktuell abgerissen wird, sollen auch angrenzende Grundstücke – ein ALDI-Markt und eine Polizeistation – neu entwickelt werden. Ein städtebaulicher Wettbewerb von 2022 schlägt dafür den vollständigen Abriss und einen 97 Meter hohen Neubau mit 120.000 m² Fläche vor.
Angesichts der heutigen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Lage erscheint ein solcher Großmaßstab zunehmend unrealistisch. Die Risiken hoher Kosten und Verzögerungen sind erheblich. Gleichzeitig fehlen in der Übergangszone zwischen Moabit und Mitte weiterhin bezahlbarer Wohnraum und offene soziale Infrastrukturen – was in der Wettbewerbsplanung unbeachtet bleibt.
Das Projekt schlägt daher einen anderen Weg vor: Bestehende Strukturen werden in ein neues räumliches und typologisches System integriert. Die Dichte wird über vertikale Erweiterungen und gezielten Lückenschluss erhöht. Im Zentrum steht ein Umdenken gängiger Entwicklungsmodelle, die Abriss dem Weiterbauen vorziehen. Solche „Tabula-rasa“-Strategien ignorieren jedoch räumliche, kulturelle und ökologische Werte des Bestands. Das Projekt zeigt das transformative Potenzial von Kontinuität – architektonisch, sozial und ökologisch.
ULAP-Quartier:
Neben einer architektonischen Neuordnung schlägt das Projekt auch eine Neuverteilung von Verantwortung und Eigentum vor. Das Grundstück könnte per Erbbaurecht an Genossenschaften übergehen, die auf Basis konkreter Nachbarschaftsbedürfnisse entwickeln. Eine Sozialumfrage zeigt breite Nachfrage nach gemeinschaftlich genutzten Flächen für Familien, Studierende, Seniorinnen, Migrantinnen und andere Gruppen. Diese Vielfalt bildet die Grundlage für eine gemischte Nutzung mit thematischer Zonierung.
Der Erhalt der Substanz vermeidet rund 8.687 Tonnen CO₂ – ohne Neubauemissionen. Zugleich ermöglicht die kooperative Entwicklung dauerhaft bezahlbaren Wohnraum.
Ehemaliges Landeslabor:
Das erste abzureißende Gebäude ist das ehemalige Landeslabor Berlin-Brandenburg, entworfen in den 1970er Jahren von Peter Brinkert. Mit 14.147 m² NRF und Vierendeel-Trägern bietet es große Spannweiten und 3,8 Meter Raumhöhe – ideale Voraussetzungen für Umnutzung.
Im Projekt wird es zum "Lebenslabor": ein Ort für neue Wohn- und Arbeitsformen, die auf Vielfalt und Flexibilität im Berliner Wohnungsbau reagieren. Das Erdgeschoss öffnet sich zur Nachbarschaft, während die Obergeschosse drei unterschiedliche Wohnszenarien beherbergen – als Beispiel für zukunftsorientierte, sozial gerechte Stadtentwicklung.
Text von Natasha Lvova.