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Juli / August 2026

Technische Universität Wien

Wenn sie kein Wasser haben, dann sollen sie Wein trinken!

Kleines Presshaus

von Grischa Schmidt

Hochschule:

Technische Universität Wien

Abschluss:

Diplom

Präsentation:

28.11.2025

Lehrstuhl:

Institut für Kunst und Gestaltung, Senior Artist Dipl.-Ing. Mag.art. Christoph Meier

Rubrik:

Design Build

Software:

Hände & befreundete Hände

Ist der klassische Entwurfsprozess, wie wir ihn an der Hochschule vermittelt bekommen, tatsächlich der richtige Weg, Architektur zu entwickeln? Oder kann Raum auch durch einen Ansatz geprägt werden, der sich bewusst von einem herkömmlichen Konzeptverständnis löst?

Diese Leitfrage begleitete meine Abschlussarbeit bis in die Kellergasse von Baierdorf, NÖ. Dort erhielt ich die Möglichkeit umgeben von zahlreichen, teils verfallenen Presshäusern, in denen einst Wein produziert wurde, zu arbeiten und den Ort über einen längeren Zeitraum intensiv zu erforschen. Seine Geschichte, Materialien und die Menschen, die mit ihm verbunden sind, wurden zu wesentlichen Bestandteilen des Arbeitsprozesses. Zufällige Begegnungen und unerwartete Funde ermöglichten es mir über eine Dauer von eineinhalb Jahren, vorgefasste Denkweisen abzulegen und den Ort unvoreingenommen kennenzulernen.
Nach tagelangem Arbeiten, unterbrochen von Regengüssen oder Hitzewellen, wurde mir bewusst, welchen Stellenwert Infrastruktur in unserem Alltag einnimmt. Das Fehlen von fließendem Wasser und Strom in der Gasse machte sichtbar, wie abhängig wir von diesen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten sind. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee einer künstlerischen Installation, die zugleich den praktischen Zweck einer Toilette erfüllt: das Kleine Presshaus.
Analog zu historischen Presshäusern bildet eine zentrale Presse das räumliche und funktionale Zentrum des Bauwerks. Die offene Struktur verzichtet bewusst auf ein Dach und bleibt mit ihrer durchlässigen Fassade der Witterung, der Umgebung und der Öffentlichkeit ausgesetzt, steht dabei jedoch in ständiger Interaktion mit dieser. Aufgrund des fehlenden Wasseranschlusses wurde ein wasserloses Ö-Klo-Fass mit Trenneinsatz integriert.
Die beim Aufräumen gefundenen Materialien, darunter massive Holzbalken und Betonträger, sogenannte Ganter, auf denen die Weinfässer im Keller gelagert wurden, bilden die Grundlage des Bauwerks. Der Entwurf entstand direkt vor Ort durch das Sammeln, Bearbeiten und Fügen vorhandener Ressourcen. So wurde etwa ein altes Stahlfass aus der Schnapsherstellung zu einem drehbaren Sitzelement weiterentwickelt und durch eine - aus vor Ort gewonnenem Lehm gefertigte - Keramikbrille ergänzt. Um das darin befindliche Ö-Klo-Fass entnehmen zu können, muss unter dem Kleinen Presshaus eine alte Holzspindel in die Erde gedreht werden, wodurch das Fass gewechselt werden kann.
Die Materialien bleiben dabei nicht nur Spuren ihrer ursprünglichen Nutzung, sondern werden in einen neuen Zusammenhang überführt. Lediglich die Fassade aus Lärchenholz, das aus einem benachbarten Sägewerk stammt, sowie die darum liegenden Stahlbänder stammen nicht aus dem Ort.
Ziel und schlussendlicher Abschluss der Arbeit stellte die Eröffnung des Kleinen Presshauses im Rahmen eines Kellergassenfestes dar, um die lange ungenutzte Kellergasse für einen Moment wieder als gemeinschaftlichen Ort erfahrbar zu machen und mich bei allen Helfer:innen zu bedanken.


Text von Grischa Schmidt.