Juli / August 2026
aussen lehm
ein system zur ökologischen nachverdichtung
Bauhaus-Universität Weimar
Master
02.04.2026
Tim Simon-Meyer
Wohnbauten
Vektorworks
Lehm ist im Trend. Der jahrhundertealte Baustoff erlebt eine Renaissance. Trotzdem entstehen bisher vor allem Pionierbauten auf der grünen Wiese oder Projekte im kleinen Stil. Damit sich der Lehm in der breiten Masse durchsetzt braucht es Anwendungsbeispiele in jedem Maßstab und zwar mitten in der Stadt. Dafür eignet sich besonders der Lehmstein, denn er ist preiswert, leicht zu verarbeiten und seit Kurzem vereinfacht eine Norm die Bauzulassung.
Einige Architekturbüros experimentieren bereits mit dem Material, und ich durfte mir auf einer selbst organisierten Exkursion einige dieser Projekte anschauen. Der Umgang mit dem Lehmstein war auf den Baustellen sehr unterschiedlich. Während einige Teams ihm noch mit Skepsis begegneten und sich bei der Verarbeitung schwertaten, optimierten andere den Bauprozess bereits durch gezielten Witterungsschutz. Auffällig war jedoch, dass viele das Potenzial des Materials nicht bis zum Ende ausreizten. Stellenweise wurde dann doch auf gebrannte Steine zurückgegriffen und häufig verschwand der Lehm komplett hinter einem Wärmedämmverbundsystem.
Wie also kann der Lehmstein sein volles Potenzial entfalten und sich trotzdem sicher im Rahmen der Norm bewegen?
Die Antwort lautet: Ein Gebäude muss von innen nach außen entworfen werden. Angefangen beim Lehmstein selbst, seinem Format und seinen konstruktiven Fähigkeiten, die in meiner Übersicht ablesbar sind. Daraus ergeben sich ganz natürlich die Öffnungsmaße und Spannweiten. Beim Wandaufbau wird bewusst auf wenige Schichten gesetzt, was später einen sortenreinen Rückbau ermöglicht. Wo immer es geht, bleiben der Lehmstein und die Kimmschicht unverputzt, um die Tektonik der Konstruktion sichtbar zu machen. Ergänzt wird das System durch Holzelemente wie den Ringanker und eine Holzbalkendecke, die durch die schweren Lehmsteine zusätzlich an Stabilität gewinnt. Für die Hybrid-Baustoffe wurde ebenfalls eine Matrix erstellt. So lässt sich je nach Anforderung und Projekt präzise das richtige Produkt auswählen, was den gesamten Prozess beschleunigt.
Um den Bauablauf zu vereinfachen, wird geschützt unter einer Plane gebaut, sodass das Wetter keinen Einfluss hat. Dafür wird vorab ein Holzskelett errichtet, das nach der Bauzeit als Laubengang erhalten bleibt und durch Polycarbonatplatten ergänzt wird. So dient es im späteren Betrieb als Witterungsschutz und als thermische Pufferzone, die sich über die verschiedenen Jahreszeiten manuell steuern lässt. Der Lehmstein kann dadurch unverputzt nach außen treten und seine Stärke als thermische Speichermasse voll ausreizen. Gleichzeitig macht er die Konstruktion für Passanten und Bewohner direkt sichtbar und nachvollziehbar.
Diese Gestaltungsprinzipien funktionieren wie ein Baukasten. Er lässt sich auf unterschiedlichste Baulücken anwenden, um eine nachhaltige innerstädtische Nachverdichtung zu ermöglichen. Denn wenn heute schon neu gebaut wird, dann dort, wo es wirklich notwendig ist und so ökologisch wie nur irgendwie möglich.
Text von Lena Kopsieker.