Juli / August 2026
Unlisted Berlin
Wertmaßstäbe und Strategien zum Weiterbauen des Vergessenen
Technische Universität Berlin
Master
13.04.2026
Erstprüfer: Prof. Ralf Pasel-Krautheim, Fachgebiet CODE, TU Berlin und Zweitprüferin: Ana Filipovi?, Fachgebiet Entwerfen und Stadterneuerung UdK Berlin
Bauen im Bestand
ArchiCAD, Rhino, Enscape, Adobe
Die Masterarbeit untersucht den Umgang mit dem baulichen Bestand vor dem Hintergrund zunehmender Abrissdynamiken in Berlin. Gebäude werden häufig als wirtschaftliche Last wahrgenommen und ersetzt, weil ihre Bewertung vor allem an kurzfristiger Verwertbarkeit und Rendite orientiert ist. Das Projekt hinterfragt diese Mechanismen und entwickelt Strategien zum Weiterbauen sogenannter "Burden Buildings".
Im ersten Schritt werden Abrissprozesse anhand öffentlich zugänglicher Daten und zivilgesellschaftlicher Plattformen untersucht. Die verstreuten Informationen werden in einem eigenen Abrisskataster zusammengeführt und systematisch ausgewertet, um Muster des Verschwindens sichtbar zu machen. Das Kataster dient als Planungsinstrument, das Abrissentscheidungen nachvollziehbar macht und eine frühzeitige Auseinandersetzung mit Erhaltungs- und Transformationspotenzialen ermöglicht.
Das Berliner Denkmalschutzgesetz ist heute das zentrale Instrument zum Schutz von Gebäuden vor Abriss. Seine Kriterien berücksichtigen ökologische und soziale Qualitäten jedoch nur unzureichend. Die Arbeit schlägt deshalb zwei zusätzliche verbindliche Prüfverfahren vor: den Substanzschutz und den Erinnerungsschutz. Der Substanzschutz bewertet den ökologischen Wert eines Gebäudes anhand seiner gebundenen materiellen Ressourcen und gespeicherten Emissionen, der Erinnerungsschutz untersucht seine Bedeutung für kollektive Erinnerung, Alltagskultur und bestehende soziale Strukturen. Dadurch werden Gebäude außerhalb der Denkmalliste erstmals systematisch auf ihren ökologischen und gesellschaftlichen Wert geprüft. Abriss wird zur begründungspflichtigen Ausnahme, Transformation beginnt bereits bei der Bewertung des Bestands.
Die neuen Bewertungsmaßstäbe werden am Steglitzer Kreisel erprobt. Als ungeschütztes Großgebäude mit Leerstand, gescheiterten Transformationsversuchen und komplexen Eigentumsverhältnissen gilt der Kreisel als "Burden Building" und potenzieller Abrisskandidat. Die Ökobilanzierung zeigt jedoch, dass seine Tragstruktur die Kriterien des Substanzschutzes eindeutig erfüllt. Der Erinnerungsschutz ergänzt diese Bewertung als räumlicher Leitfaden für die Transformation.
Darauf aufbauend wird ein alternatives Eigentumsmodell entwickelt, das Verantwortung an die Stelle spekulativer Verwertungslogiken setzt. Das Gebäude wird in die Ebenen Substanz, Infrastruktur und Besiedlung gegliedert. Die Stadt sichert die erhaltenswerte Bausubstanz, Projektgruppen entwickeln die infrastrukturellen Grundlagen einzelner Gebäudeteile und Nutzerinnen und Nutzer eignen sich die vorbereiteten Räume schrittweise an. Transformation wird als langfristiger, kollektiver Prozess verstanden.
Architektonisch übersetzt sich dieses Modell in drei Infrastrukturen: Aneignung, Fürsorge und Versorgung. Gemeinsam entwickeln sie den Steglitzer Kreisel von einem gescheiterten Großprojekt zu einer anpassungsfähigen urbanen Ressource weiter.
Text von Viktor Kalinov.