Juli / August 2026
Architektur als gesellschaftspolitischer Akteur im ländlichen Raum
Kritische Interventionen am Beispiel ausgewählter Orte in Mecklenburg-Vorpommern
Hochschule Wismar
Master
01.07.2026
Entwerfen und Gebäudelehre / Prof. Simon Takasaki - L., Sabrina Lampe M.A.
Kulturbauten
Rhino, V-Ray, Illustrator, Photoshop
Diese Arbeit untersucht Architektur als gesellschaftspolitischen Akteur im ländlichen Raum Mecklenburg Vorpommerns. Anlass sind ein erstarkender Rechtsruck und klimapolitische Unsicherheiten, die den Blick in die Zukunft ernüchtern. Ausgangspunkt ist eine mehrtägige Radtour von Wismar nach Neubrandenburg. Unterwegs dokumentierte ich verfallene Strukturen, die das gesellschaftliche Bewusstsein verlassen haben. Diese Brachen sind metaphorische Träger von kollektivem Vergessen, historischer Verdrängung und sozialer Entfremdung. Dürfen wir weiterhin schweigen? Meine Antwort ist ein eindeutiges Nein.
Im Zentrum steht die Frage, inwieweit Architektur an der Schnittstelle zur Kunst Verantwortung übernehmen muss. Es gilt, Präventionsräume und kritische Gegenpole zu etablieren, um dominante Narrative infrage zu stellen. Rein intellektuelle Ablehnung greift zu kurz; wirksamer Widerstand braucht Analyse und Praxis. Anstelle rechter Ausgrenzung muss eine internationale Solidarität aller Menschen treten, unabhängig von Ländergrenzen. Es braucht eine positive Gegen-Erzählung, die das menschliche Bedürfnis und die Befreiung ins Zentrum stellt, statt Symptome eines maroden Systems bloß zu reformieren.
Architektur allein löst nichts. Als unterstützendes Medium kann sie jedoch Entwicklungen katalysieren. Die Konzeptfindung war eng an die Reise mit meiner Freundin gekoppelt. Das Reisen fiel mir aus finanziellen Gründen in meiner Jugend stets schwer; der Raum zwischen meiner Heimatstadt Neubrandenburg und dem Studienort Wismar blieb mir lange fremd. Die dreitägige Radfahrt schloss diese Lücke und erzwang Entschleunigung im Kontrast zu einer kapitalistischen Welt, die nur auf Beschleunigung setzt. Ausgehend von dieser forensischen Annäherung wählte ich drei Orte und sechs Gebäudeteile in Wendorf, Remplin und Breesen, die ich mangels behördlicher Unterstützung detektivisch mittels Photogrammetrie erfasste.
Das Konzept bewegt sich zwischen Räumen der Entfremdung und Räumen für neue Beziehungen. Die Interventionen manifestieren sich als Antimonumente oder katalytische Strukturen, die spezifisch auf den Ort reagieren. Ob als begehbare Zerstörung, stützendes Exoskelett einer Garage, als beklemmende Reizüberflutungs-Maschine im Taubenturm oder als parasitäres Open Office im alten Ziegenstall: Sie sind keine dauerhaften Heilsbringer. Sie verstehen Erinnerung als einen nichtlinearen Prozess, in dem gesellschaftliche Verantwortung neu ausgehandelt wird. Architektur wird zum Mediator, um neue Allianzen und ein solidarisches Gemeinsames zu katalysieren.
Am Ende steht kein endgültiges Urteil, sondern die unnachgiebige Selbstreflexion einer herrschaftskritischen Architekturpraxis. Diese Interventionen müssen unfertig bleiben. Sie sind experimentelle Versuchsanordnungen, die erst durch Aneignung, Streit und kollektive Partizipation eine Daseinsberechtigung erfahren. Wir besitzen im Hier und Jetzt Handlungsspielräume, aktiv einzugreifen und das sollten wir nutzen.
Text von Ben Passow.