Juli / August 2026
Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg
B(r)aukultur
Ein hybrider Ort für Kultur, Kulinarik und Begegnung
Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg
Master
24.09.2025
Entwerfen und Bauen im Bestand - Prof. Per Pedersen | Tragwerksplanung - Prof. Karen Eisenloffel
Industriebauten
Rhino, Affinity suit
Auf dem Gelände der Holsten-Brauerei in Hamburg-Altona haben die Bagger abgeräumt, was sich abräumen ließ, und sind dann stehen geblieben. Erst zog die Produktion fort, dann übernahm die Spekulation, dann die Liquiditätskrise. Seit 2022 ruht die Entwicklung. Geblieben ist ein Torso: der Juliusturm von 1914, die denkmalgeschützte Schwankhalle, das Sudhaus unter kupfergrünem Dach. Wenige hundert Meter weiter fiel zur selben Zeit die Sternbrücke, mit ihr ein Vierteljahrhundert Clubkultur: Astra Stube, Fundbureau, Waagenbau. Zwei Leerstellen, ein Quartier.
"B(r)aukultur" schiebt Baukultur und Braukultur ineinander. Das klingt nach Pointe, meint aber eine Haltung. Wo der Investorenprozess den Bestand als Hemmnis behandelte, rechnet der Entwurf ihn als Kapital. Die leitende Frage ist nicht, was an die Stelle des Alten tritt. Sondern: Was kann das Alte, wozu ein Neubau nie in der Lage wäre?
Die deutlichste Antwort steht dort, wo die Filtration das Bier klärte. Die stählerne Ringkonstruktion bleibt vollständig erhalten und trägt eine Bibliothek. Ihre konzentrischen Ringe, einst für Druck und Last bemessen, nehmen ein zweigeschossiges, begehbares Regal auf. Man steht nicht vor den Regalen, man steht in ihnen; der Blick läuft an der Krümmung entlang in die Tiefe. An die Stelle der Metallhaut tritt eine Wand aus Glassteinen, transluzent, nicht transparent: Sie filtert das Tageslicht zu einem blendfreien Leuchten. Man liest zwischen Stahl.
Eine vorgefundene Struktur bewohnen, statt sie zu kaschieren: Das trägt das ganze Haus. In Schwankhalle und Juliusturm staffeln sich die Nutzungen übereinander, der Schnitt wird zum eigentlichen Entwurf. Im Gewölbekeller liegt ein Nachtklub: kein Zitat für die verdrängte Szene, sondern Wände, Böden, Schallschutz. Darüber öffnet sich das Erdgeschoss als Markthalle zur Stadt; die Fassade schiebt sich auf, bis Markt und Straße ineinanderfließen. Es folgen Werkstätten und Studios, die Bibliothek, zuletzt Seminarräume in der Turmspitze. 36 Höhenmeter, eine vertikale Stadt, die man vom Dunkel des Kellers bis ins gefilterte Licht der Lesesäle durchschreitet.
Das Sudhaus bildet den Gegenpol. Stützenraster und tiefe Decken des Brauprozesses tragen zwei Veranstaltungssäle, unverändert. Hier wird das Bauwerk nicht zur Kulisse umgebaut. Es ist die Kulisse.
Dahinter steht eine Rechnung. Über 80.000 Kubikmeter umbauter Raum bleiben erhalten statt abgerissen und neu gegossen; die gebundene graue Energie arbeitet weiter. Die Einbauten sind eingestellt, nicht verwachsen, also reversibel: Was heute Markthalle ist, kann morgen etwas anderes sein. Den Denkmalschutz erfüllt das nebenbei.
"B(r)aukultur" klagt nicht über das gescheiterte Investorenprojekt. Es macht es überflüssig. An einem umkämpften Ort zeigt der Entwurf, dass Gemeinwohl und architektonische Ambition zusammengehen, und stellt eine Frage, die über Altona hinausreicht: ob die Zukunft der Stadt im Abriss liegt oder im Weiterbauen dessen, was schon steht.
Text von Jonas Bühler.