Juli / August 2026
Materieller Imperativ
Das prozessuale Weiterschreiben eines Hofes mit vorhandenen Ressourcen
Technische Universität Wien
Diplom
29.01.2026
FOB Hochbau und Entwerfen - Astrid Staufer Univ.Prof.in Dipl.-Arch.in, Arbeit abgeschlossen bei Lorenzo De Chiffre Dipl.-Arch. Dr.techn.
Bauen im Bestand
Archicad, Adobe Indesign, Adobe Photoshop
Der landwirtschaftliche Hof meiner Familie in Mroków, Polen dient als Ausgangspunkt dieser Arbeit. Ein Ensemble, das sich über Jahrzehnte hinweg bricolagehaft weiterentwickelt hat und geprägt ist von improvisierten Ergänzungen und pragmatischer Wiederverwendung. Heute steht der Hof stellvertretend für viele ländliche Orte Polens: Die Landwirtschaft verliert an Bedeutung, Gebäude stehen leer und ehemals produktive Strukturen geraten zunehmend unter Abrissdruck.
Die Arbeit versteht diesen Bestand jedoch nicht als Problem, sondern als Ressource. Sie untersucht, wie sich der Umbauprozess verändert, wenn vorhandene Materialien nicht länger als passive Baustoffe, sondern als gleichwertige Aktanten im Entwurfsprozess verstanden werden. Aufbauend auf Theorien des Neuen Materialismus entwickelt sie eine Haltung des Weiterbauens, bei der Materialverfügbarkeit, handwerkliches Wissen und der konkrete Ort den Entwurf ebenso prägen wie die architektonische Idee.
Anstelle eines klassischen Masterplans entsteht ein iterativer Transformationsprozess. Das bestehende Bauernhaus bildet den ersten Akt und dient als Katalysator für weitere Entwicklungen. Durch das Freilegen der Konstruktion, das Reparieren und Wiederverwenden vorhandener Materialien entstehen neue räumliche und programmatische Möglichkeiten, die wiederum die nächsten Schritte des Entwurfs beeinflussen.
Der Umbau des Bauernhauses entwickelt sich so zum Impuls für Akt 2, eine "Residenz des Handwerks". Die ehemaligen Lagerhallen werden schrittweise zu Reparaturwerkstätten umgenutzt. Aus dem Überschuss vorhandener Baustoffe und dem Wissen lokaler Handwerker:innen entstehen neue Kooperationen, die den Hof nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern als lernendes System begreifen.
Der dritte Akt führt diese Entwicklung auf sozialer Ebene fort. Wo früher Wärme für die Gewächshäuser erzeugt wurde, entsteht heute eine gemeinschaftliche Hofküche als Ort der Fürsorge und des Austauschs. Hier wird gemeinsam mit Nachbar:innen und Gästen gekocht, fermentiert und gelagert. Die ehemalige Heizzentrale wird so zum räumlichen und sozialen Mittelpunkt des Hofes und denkt den landwirtschaftlichen Kreislauf als gemeinschaftliche Praxis weiter.
Der materielle Imperativ bewirkt ein Umdenken im Umgang mit den Ressourcen unserer Welt und strebt ein Entwerfen mit ihnen an. Der Hof wird so zum Labor einer Umbaukultur, der Materie als wirksame Kraft erkennt und mit ihr neue Formen von Resonanz zwischen Mensch, Stoff und Kontext eröffnet.
Text von Sophie Coqui.