Mai / Juni 2026
Wohnen als Ware
am Beispiel der Sternschanze in Hamburg
Fachhochschule Münster
Bachelor
25.03.2026
Dipl. Architekt Christopher Schroeer-Heiermann
Wohnbauten
Vektorworks, InDesign, Photoshop
Investorenbedingter Leerstand zeigt sich als zentrales Symptom und verdeutlicht, wie stark ökonomische Logiken städtische Räume und soziales Leben prägen. Er ist keine Folge von Nachfrageausfällen, sondern eine strategische Maßnahme, bei der Wohnraum nicht als sozialer Raum betrachtet wird und sich so seiner gesellschaftlichen Funktion entzieht. Im Fokus der Arbeit stand die Frage, welche Handlungsspielräume Architekt*innen innerhalb dieses Spannungsfeldes besitzen.
Vom ehemaligen Arbeiter- und Industrieviertel wandelte sich die Schanze im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einem stark nachgefragten Szeneviertel mit hohem Investitionsdruck. Modernisierungen, steigende Mieten und die zunehmende Finanzialisierung des Wohnungsmarktes führten zu Verdrängungsprozessen und sozialer Segregation.
Leerstand zeigt sich zwar als räumliche Leere, doch seine Ursache liegt nicht im Fehlen des Raums, sondern in den Strukturen, die seine Nutzung verhindern. Wohnraum existiert, aber der soziale Zugang ist versperrt, weil er als Kapital fungiert. Aus dieser strukturellen Logik folgt ein erhebliches Ungleichgewicht im Zugang zu Wohnraum. Der Wohnungsmarkt wird nicht über räumliche Verfügbarkeit geregelt, sondern über Marktteilhabe, Personen mit geringerem Einkommen oder Migrationsgeschichte sind somit benachteiligt. Wenn Leerstand strukturell verursacht ist, muss auch die Lösung strukturell gedacht werden. Dies betrifft nicht nur die Politik und Verwaltung, sondern auch die Architekt*innen. Architekt*innen können die Situation nicht lösen, indem sie "mehr bauen". Bauen beantwortet nämlich nicht die Frage, warum bestehender Wohnraum ungenutzt bleibt, sondern ihr Handlungsspielraum liegt in der Reflexion von Bestand. Anstelle der vermeintlich naheliegenden Lösung des Neubaus rückt der Umgang mit Bestand in den Vordergrund, als bewusst eingesetzte Strategie. Ein Entwurf schafft Raum nicht allein durch die Addition von Fläche, sondern durch die bewusste Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen und dem Flächenbedarf der Bewohner*innen. Es müssen räumliche Systeme entwickelt werden, die niedrigschwelliger Teilhabe ermöglichen. Architekt*innen dürfen im Kontext investorenbedingten Leerstands nicht als neutrale Dienstleister agieren, sondern als zentrale Akteur*innen innerhalb eines komplexen Systems.
Besonders relevant für den Entwurf ist die Erkenntnis, dass Leerstand als Entwurfsausgangspunkt begriffen werden sollte. Leerstehende Gebäude eröffnen Freiräume für Transformation, Umnutzung und passende Wohnformen. Die Arbeit zeigt, dass durch gezielte Eingriffe, etwa die Aufteilung großer Wohneinheiten, die Integration gemeinschaftlicher Motive oder die Öffnung von Erdgeschosszonen, Gebäude wieder in das soziale Gefüge eingebunden werden. kann Architektur als Medium der Kritik fungieren und die Gestaltung selbst wird zur Aussage über den Umgang mit Raum, Besitz und Verantwortung, auch wenn die Handlungsspielräume augenscheinlich häufig im Kleinen liegen.
Text von Elena Müller.