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Mai / Juni 2026

Karlsruher Institut für Technologie

BESTAND IST ZUKUNFT

Tabaktrockenschuppen als Ressource der Ortsentwicklung in Herxheim

von Luisa Estelmann

Hochschule:

Karlsruher Institut für Technologie

Abschluss:

Master

Präsentation:

16.04.2026

Lehrstuhl:

Professur Nachhaltiges Bauen / Sustainable Construction | Prof. Dirk E. Hebel

Rubrik:

Bauen im Bestand

Software:

ArchiCAD

Ländliche Räume stehen vor einem strukturellen Widerspruch. Steigender Wohnraumbedarf trifft auf Flächenverbrauch, soziale Entmischung und den Verlust gewachsener Ortsstrukturen. In der Südpfalz, exemplarisch in Herxheim, wird dieser Konflikt besonders sichtbar. Die Arbeit entwickelt dazu eine klare Gegenposition und zeigt, dass Innenentwicklung die Außenentwicklung nicht nur ergänzen, sondern vollständig ersetzen kann.

Ausgangspunkt ist ein Ensemble aus zehn ungenutzter Tabaktrockenschuppen. Diese Gebäude werden nicht als Relikte verstanden, sondern als räumliche, konstruktive und kulturhistorische Ressource. Der Entwurf begreift Nachverdichtung als sozialpolitisches Projekt, das bezahlbaren Wohnraum schafft, soziale Durchmischung ermöglicht und neue gemeinschaftliche Lebensformen stärkt. Damit entsteht ein Gegenmodell zur konventionellen Siedlungsentwicklung, die häufig funktional getrennt und sozial homogen ist.
Das architektonische Konzept basiert auf Transformation im Bestand. Die vorhandenen Schuppen werden durch ein Haus im Haus Prinzip aktiviert, bei dem vorgefertigte Holzmodule in die bestehende Struktur eingefügt werden. Ergänzende Neubauten in Holzbauweise verdichten das Gefüge präzise und orientieren sich an Maßstab und Typologie des Ortes. So entstehen rund 250 Wohneinheiten für etwa 500 Bewohner und damit eine vergleichbare Kapazität zu einem klassischen Neubaugebiet bei gleichzeitig deutlich reduziertem Flächenverbrauch. Der Entwurf liefert damit den räumlichen und quantitativen Nachweis, dass neue Baugebiete entbehrlich werden können.
Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts ist das energetische Konzept, das ein bislang ungenutztes Schneckenpumpwerk in unmittelbarer Nähe einbindet. Die im Abwasser gespeicherte Wärme wird über Wärmetauscher erschlossen und in ein kaltes Nahwärmenetz eingespeist. In Kombination mit Wärmepumpen, Photovoltaik und passiven Strategien entsteht ein ressourcenschonendes Energiesystem. Die bestehende Schuppenhülle wirkt dabei als klimatische Pufferzone und ermöglicht natürliche Kühlung durch Luftzirkulation und nächtliche Auskühlung.
Das Quartier ist als autoarmes Gefüge organisiert und stärkt durch gemeinschaftliche Freiräume und aktivierte Erdgeschosszonen das soziale Miteinander. Nutzungen wie Werkstätten, Café oder Dorfladen schaffen Orte der Begegnung und verankern das Projekt im Alltag.
Durch die konsequente Weiterentwicklung des Bestands kann auf neue Siedlungsflächen verzichtet werden. Gleichzeitig bleiben Identität, Baukultur und die kulturhistorische Prägung der Südpfalz erhalten und werden in eine zeitgemäße Nutzung überführt. Die Arbeit zeigt, dass die Zukunft des Bauens im Weiterbauen liegt und dass aus vorhandenen Strukturen ein nachhaltiger und sozial gerechter Lebensraum entstehen kann.

Text von Luisa Estelmann.