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Mai / Juni 2026

Fachhochschule Münster

Critical Care?

Ressourcenschonende Maßnahmen im Bestand

von Johanna Gulde

Hochschule:

Fachhochschule Münster

Abschluss:

Master

Präsentation:

24.03.2026

Lehrstuhl:

Prof.in Dr. Ing. Anja Rosen

Rubrik:

Bildungsbauten

Software:

ArchiCAD, Photoshop, InDesign, Illlustrator

Diese Arbeit versteht Architektur als eine Form von "Care" - als fürsorgliche, langfristige Praxis im Umgang mit dem gebauten Bestand. Vor dem Hintergrund von Klimakrise und Ressourcenknappheit verschiebt sich der Fokus vom Neubau hin zur Transformation vorhandener Strukturen. "Care" wird dabei nicht nur auf den Menschen bezogen, sondern auf materielle, räumliche und ökologische Systeme erweitert. Der Baukörper selbst wird zum Gegenstand dieser Fürsorge und bildet den Ausgangspunkt architektonischer Entscheidungen.


Das Fallbeispiel ist Teil eines Strukturwandelprojekts in Mönchengladbach, bei dem das ehemalige Polizeipräsidium zu einem Wissens- und Innovationscampus transformiert wird. Im Fokus stehen die Gebäude A und G - zwei leerstehende Bestandsbauten aus den späten 1970er-Jahren. In Zusammenarbeit mit der Stadt und eigenständig wurde ein Nutzungskonzept entwickelt: Gebäude G wird zur Junior-Uni, Gebäude A zur Ausbildungsstätte mit temporärem Wohnen für Dozierende. Beide waren aufgrund baulicher, energetischer und funktionaler Defizite zunächst für den Abriss vorgesehen, sollen nun jedoch erhalten und weiterentwickelt werden.

Der Entwurf wird als prozesshaftes, baukonstruktiv orientiertes Vorgehen verstanden, das sich an medizinischen und pflegerischen Logiken orientiert: Untersuchung, Strategie und Intervention. Im architektonischen Kontext definiert die Strategie im Bestand das Rückbaukonzept und legt erstmals die Tiefe der Eingriffe fest. Darauf aufbauend beschreibt die Intervention die konkrete bauliche Umsetzung. Ergänzend werden punktuell Reuse-Konzepte eingesetzt, um Materialien innerhalb des Campus zirkulär weiterzuverwenden.

Eine mehrschichtige Bestandsuntersuchung bildet die Grundlage, um Potenziale und Defizite präzise zu erfassen - vom Innenraum über Tragwerk und Konstruktion bis zur Gebäudehülle. Dabei werden auch konstruktive Mängel sowie Schadstoffe ermittelt und in einem Materialkatalog dokumentiert und bewertet. Darauf aufbauend werden Eingriffe als abgestufte Interventionen entwickelt: von minimalinvasivem Erhalt und Reparatur über hochinvasivere Eingriffe bis hin zu gezielten maximalinvasiven Interventionen. Ergänzend dienen präventive Strategien dazu, zukünftige Schäden zu vermeiden und den Eingriffsbedarf langfristig zu reduzieren.

Zentral ist die Abwägung von Eingriffstiefe, Aufwand, ökologischer Wirkung und konstruktiver Logik. Der Entwurf folgt dem Prinzip eines ressourcenschonenden und zirkulären Umgangs - im Sinne von Erhalt statt Austausch und Anpassung statt Erneuerung. Gleichzeitig wird anerkannt, dass punktuell auch tiefgreifendere Eingriffe notwendig sind, um die Zukunftsfähigkeit des Bestands langfristig zu sichern.


Die bestehende Ästhetik der Gebäude wird dabei nicht als Defizit verstanden, sondern als Teil ihrer Identität gelesen und weiterentwickelt. Ästhetik entsteht nicht durch Überformung, sondern durch einen bewussten, differenzierten Umgang mit mit dem Vorgefundenen.


Text von Johanna Gulde.