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September / Oktober 2026

HafenCity Universität Hamburg

(über)lebenswert

Adaptive Frameworks: Modular Shelter System

von Dominik Straub, Leander Baumann

Hochschule:

HafenCity Universität Hamburg

Abschluss:

Bachelor

Präsentation:

20.07.2026

Lehrstuhl:

Studio D - Baukonstruktion, Prof. Dr.-Ing. Bernd Dahlgrün

Rubrik:

Wohnbauten

Software:

Rhino, Illustrator, InDesign, Photoshop, Lightroom

Wer sein Zuhause verliert - durch Obdachlosigkeit, Flucht oder Katastrophen - landet oft erstmal nur mit dem Nötigsten da: einem Zelt, einem Bett, vier Wänden. Das reicht zum Überleben, aber kaum zum Wohnen. Notunterkünfte sichern die reine Existenz; Privatsphäre, Aneignung und Selbstbestimmung bleiben dabei meistens auf der Strecke.


Ausgangspunkt ist die These, dass auch eine Architektur der Notwendigkeit lebenswert sein kann. Nicht das kleinstmögliche Existenzminimum macht einen Ort bewohnbar, sondern Großzügigkeit, Aneignungsspielraum und die Möglichkeit, sich einen fremden Ort schrittweise zu eigen zu machen.

Daraus entstand ein modulares Baukastensystem, das sich am ehesten wie eine Sprache begreifen lässt: Elementare Materialien bilden das Vokabular, ein werkzeugloses, mechanisches Fügeprinzip liefert die Grammatik, und aus Ort, Klima und verfügbarem Material entsteht am Ende ein eigener Dialekt - eine Typologie, die überall anders aussieht, aber demselben System folgt.

Eine leichte, austauschbare Fassung nimmt vor Ort verfügbares Material auf, verankert wird das Ganze durch sein eigenes Gewicht statt im Boden: Ein durchlaufendes Seil hält die gestapelten Bauteile wie an einer Kette zusammen und sichert sie gegen Wind, ohne Eingriff in den Untergrund. Das Tragraster von 2,5 m orientiert sich an den Ab-Werk-Maßen gängiger Plattenwerkstoffe, wodurch Verschnitt entfällt und der Aufbau ohne handwerkliche Erfahrung gelingt.

Erprobt wurde das System an einer Fallstudie: Zwei Studierende, die kurzfristig nach Hamburg ziehen müssen, bauen sich für ein Semester auf einer Campusfläche der HCU ihr eigenes Modul - 5 × 7,5 m, gedrittelt in Patio, Gemeinschaftsfläche und privaten Rückzugsraum. Perforierte Holzwände, Kork und transluzente Deckenflächen erzeugen dabei ein Raumklima, das trotz Kleinstmaßstab eher Geborgenheit als Kaserne vermittelt. Ein 1:1-Modell sowie Modelle im Maßstab 1:10 und 1:50 haben Fügung, Materialität und Details wie Sockel, Traufe und First überprüfbar gemacht.

Fertig ist das Konzept damit noch nicht. Am 1:1-Teilmodell haben wir die werkzeuglose Fügung und den Einsatz vor Ort verfügbarer Materialien schon getestet. Was noch fehlt, ist ein reales Wohnexperiment im Maßstab 1:1 - wiederholt an möglichst unterschiedlichen Orten, weil sich die Bedingungen dort jedes Mal komplett ändern.

Das universelle, überall gleich funktionierende Shelter-Objekt gibt es am Ende wahrscheinlich nicht. Jeder Ort verlangt seinen eigenen Dialekt aus lokalen Materialien und Bedürfnissen. Übertragbar ist deshalb weniger die Form als die Methode ? ein Handbuch adaptiven Entwerfens, welches sich zerstörungsfrei zurückbauen und wiederverwenden lässt und humanitäre Anforderungen mit wirtschaftlicher Machbarkeit verbindet. Was am Ende zählt, ist nicht das Überleben allein, sondern ob ein Ort lebenswert wird. Erst dann ist er, im doppelten Sinn, überlebenswert.


Text von Dominik Straub, Leander Baumann.