September / Oktober 2026
Hinterland unter Strom
Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg
Technische Universität Berlin
Master
20.05.2026
Habitat Unit - Fachgebiet für internationale Urbanistik und Entwerfen, Prof. Philipp Misselwitz
Infrastruktur
Adobe Suite, ArchiCAD, QGIS, Rhino, Vectorworks
Hinterland unter Strom untersucht, wie die Energiewende den ländlichen Raum transformiert und welche planerische Sprache dafür bislang fehlt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Solarparks, Windanlagen, Hochspannungstrassen, Batteriespeicher und Rechenzentren weite Teile des Hinterlandes einnehmen, ohne dass eine gestalterische Anspruchshaltung erkennbar ist. Die Arbeit fragt nach den landschaftlichen Kosten der Energiewende, danach, wie sektorale Konflikte und Flächenkonkurrenz planerisch adressiert werden können, und welche Leitsätze sich daraus ableiten lassen und beantwortet diese analytisch, im Entwurf und instrumentell.
Analytisch werden vier Dimensionen landschaftlicher Kosten herausgearbeitet: die Beschleunigung extraktiver Raumkontinuitäten, die sektorale Flächenkonkurrenz ohne übergeordnete Gesamtverantwortung, der Verlust landschaftlicher Komplexität durch global sich wiederholende Typologien sowie die planerische Unsichtbarkeit dieser Kosten. Denn Freiraum gilt als Negativkategorie, als das Übrige, nicht als das Tragende. Theoretisch verortet sich die Arbeit im Konzept der Planetary Urbanization nach Brenner und Katsikis: Das Hinterland ist kein Rückstand, sondern Funktion, eine Operational Landscape, einzig für ihre Leistung infrastrukturiert. Genau diese Logik reproduziert die Energiewende, so die zentrale These. Brandenburg trägt eine doppelte Last: die historische der Braunkohle und die neue der erneuerbaren Energien, während die räumliche Logik gleich bleibt: Produktion peripher, Konsum metropolitan, Gestaltungsverantwortung ungeklärt.
Der entwerferische Teil konkretisiert sich am Untersuchungsort Lübbenau, gewählt, weil er exemplarisch sichtbar macht, was vielerorts unbearbeitet bleibt: eine postindustrielle Landschaft, in der sich Braunkohle- und erneuerbare Extraktionslogik überlagern. Orientiert an den Parametern der behutsamen Stadterneuerung werden für fünf Knotenpunkte ortsspezifische Strategien entwickelt: Die Abwärme des Rechenzentrums versorgt ein Gewächshaus und Teile Lübbenaus, Schneisen unter Stromtrassen werden wiedervernässt, Schlabendorf-Nord wird als dauerhafte Sacred Zone gesichert, in Seese-West reduzieren leistungsfähigere Windräder die Anlagenzahl zugunsten von Agroforststreifen, und in Seese-Ost wird der Solarpark um 60 ha zugunsten von Agri-PV, Magerwiesen und öffentlichen Wegen reduziert.
Als instrumentelles Ergebnis formuliert die Thesis einen interkommunalen Landschaftsvertrag mit vier Paragrafen, der neue Vorhaben an die bestehende Landschaftsstruktur bindet, Maßstabsverträglichkeit prüft, zu ökologischen Sekundärfunktionen am Eingriffsort verpflichtet und eine Kategorie für bewusst ungenutzte Räume schafft - als Gegenmodell zur entkoppelten Ausgleichsfläche, die den betroffenen Raum doppelt verlieren lässt.
Die Arbeit verfolgt einen kritisch erweiterten Nachhaltigkeitsbegriff: Nachhaltigkeit stellt kein Zertifikat dar, sondern eine räumliche Verpflichtung gegenüber dem Ort.
Text von Anne Wilhelm, Ferdinand Storjohann.