September / Oktober 2026
Neu Verwebt
Revitalisierung einer Tuchfabrik
Bauhaus-Universität Weimar
Master
15.04.2026
Professor Johannes Kühn
Städtebau
ArchiCad
Was geschieht mit einem Ort, der seine Funktion verloren hat, dessen Mauern aber noch von einer lebendigen Vergangenheit erzählen?
Die 1874 erbaute Tuchfabrik im Aachener Frankenberger Viertel hat seit 15 Jahren keine feste Nutzung mehr. Der Entwurf begreift den Ort nicht als Bruch mit der Vergangenheit, sondern als urban gewebtes Gefüge, als Teppich, in dem jedes Gebäude ein Faden ist, verknüpft mit dem nächsten und eingebettet in ein größeres Ganzes. Das Konzept zielt auf eine offene, vielschichtige Wiederbelebung: ein Ort zum Erleben, Verweilen, Mitmachen und Mitgestalten, an dem Geschichte nicht konserviert, sondern weitergeschrieben wird.
Der historische Intze Treppenturm bleibt als sichtbares Gedächtnis des Ortes erhalten, ein Anker zwischen Vergangenheit und Gegenwart, während ein neu eingefügter produktiver Knotenpunkt die räumliche Regie übernimmt, Verbindungen schafft und das Areal als lebendiges Netz aktiviert. So entsteht ein Kerngefüge, das Bestand und Neubau respektvoll miteinander verwebt.
Der Städtebau verfolgt die Idee eines offenen, inklusiven und lebendigen Raums, der durch Sport-, Kultur- und Freizeitangebote als urbaner Anlaufpunkt dient und sich als "soziales Gewebe" mit wiederkehrenden, aufeinander reagierenden Elementen organisiert. Öffentliche und private Nutzungen verzahnen sich in einer Kombination aus Shedhalle, Wohnriegeln und öffentlichen Laubengängen, wodurch Schnittstellen zwischen Stadt und Wohnen entstehen. Das Grünkonzept ergänzt diese Struktur funktional und atmosphärisch durch verschiedene Freiraumtypen und ökologische Funktionen wie Entsiegelung und Retention und verbindet so das industrielle Erbe mit einer neuen, stärker durchgrünten Stadtsituation.
Im Erdgeschoss des Quartiers sind überwiegend öffentliche Funktionen vorgesehen. Die Webhalle wird mit dem "Box-in-Box"-Prinzip in zwei Bereiche gegliedert: gedämmte, flexible Raumboxen werden eingestellt, während die bestehende Hülle als prägender Raum erhalten bleibt. Durch die Öffnung der Südseite und neue Durchwegungen entsteht eine öffentliche Passage, die kalte und warme Zonen miteinander verwebt und die Halle stärker zur Stadt hin öffnet. Inhaltlich entwickeln sich zwei Nutzungen, ein linker Teil als offener Produktions- und Markt/ Ausstellungsraum sowie ein rechter Teil als Textilbereich mit Museum, Werkstatt und Café, ergänzt durch einen Kiosk und eine Kinderbetreuung.
Der Neubau am Intzeturm ist als zentraler Ort des gemeinschaftlichen Lebens konzipiert. Im Erdgeschoss befindet sich ein öffentlicher Gemeinschaftsbereich, während in den Obergeschossen flexibel nutzbare Clusterwohnungen für unterschiedliche Wohnformen entstehen, die das soziale Gefüge des Quartiers widerspiegeln. Konstruktiv basiert das Gebäude auf einem Holzskelettbau mit Aluminiumfassade, wobei vom Webstuhl inspirierte Stahlseile als prägendes Element Funktion, Gestaltung und die Erinnerung an die Tuchfabrik miteinander verbinden.
Text von Nele Pauline Pudenz.