September / Oktober 2026
Spine
Eine Infrastruktur zur schnellen Aktivierung der Volksschwimmhalle Dessau-Süd
HTWK Leipzig
Bachelor
20.07.2026
Professur für Baukonstruktion und Entwerfen, Prof. Dipl.-Ing. Frank Schüler
Kulturbauten
Archicad, Blender, Twinmotion, Photoshop
Die ehemalige Volksschwimmhalle Dessau-Süd ist ein weitgehend leerstehender DDR-Bau, dessen klare Tragstruktur, großzügige Räume und standardisierte Bauteile trotz jahrelangen Stillstands ein großes räumliches und materielles Potenzial besitzen. SPINE untersucht, wie dieser Bestand mit möglichst wenigen baulichen Eingriffen schnell reaktiviert und gleichzeitig langfristig für unterschiedliche Nutzungen offen gehalten werden kann.
Ausgangspunkt der Arbeit ist die Frage, wie ein leerstehendes Gebäude aktiviert werden kann, ohne seine zukünftige Nutzung bereits vollständig festzulegen. Statt ein neues, festgeschriebenes Raumprogramm zu entwerfen, versteht SPINE Architektur deshalb als Infrastruktur. Nicht eine einzelne Nutzung soll das Gebäude definieren, sondern ein System, das unterschiedliche Nutzungen ermöglicht und sich mit ihnen verändern kann.
Das bestehende 6 × 6 Meter Raster der Schwimmhalle bildet die Grundlage für ein modulares System aus Rahmen, Regalen, Vorhängen, Arbeitsflächen und abgehängten Elementen. In diese Struktur werden die notwendigen technischen Funktionen wie Strom, Licht, Wasser, Lagerung, Befestigungsmöglichkeiten und räumliche Unterteilung integriert. Dadurch können unterschiedliche Situationen entstehen: Werkstätten und Ateliers, gemeinsames Arbeiten und Essen, Veranstaltungen, Märkte, Filmabende oder temporäre Ausstellungen. Die Architektur gibt diese Nutzungen jedoch nicht dauerhaft vor, sondern stellt lediglich die Voraussetzungen für ihre Aneignung bereit.
Gleichzeitig wird der vorhandene Bestand selbst zur Ressource. Die serielle Bauweise des Gebäudes ermöglicht einen systematischen Rückbau standardisierter Bauteile. Türen, Ziegel, Aluminium-Deckenpaneele, Fliesen, Leuchten und weitere Elemente werden demontiert, sortiert, katalogisiert und innerhalb des neuen Systems wieder eingesetzt. Türen werden beispielsweise zu Tisch- und Arbeitsflächen, Aluminium-Deckenpaneele zu Füllungen oder technischen Elementen und Ziegel zu Sockeln, Lagerelementen oder temporären Raumteilungen. Materialien, die zunächst nicht benötigt werden, bleiben als sichtbares Materialarchiv im Gebäude erhalten.
Auch die Transformation selbst ist nicht als fertiger Endzustand gedacht. Workshops, gemeinsame Bautage und temporäre Veranstaltungen ermöglichen es der Nachbarschaft, die Halle schrittweise zu erproben und weiterzuentwickeln. Eine digitale Informationsleiste entlang der ehemaligen Attika kommuniziert Aktivitäten und Veranstaltungen nach außen und macht den fortlaufenden Prozess im Stadtteil sichtbar.
SPINE versteht die Volksschwimmhalle damit nicht als abgeschlossenes Sanierungsprojekt, sondern als offene, veränderbare Struktur und gemeinschaftlich produzierten Dritten Ort. Gleichzeitig untersucht die Arbeit, inwiefern die Strategie aus Infrastruktur, Wiederverwendung und schrittweiser Aktivierung auch auf vergleichbare leerstehende DDR-Bauten übertragen werden kann.
Text von Nelia Throm.