Januar / Februar 2026
RWTH Aachen
Haus für FLINTA*
Umnutzung eines leerstehenden DDR-Plattenbaus in der Nordwestuckermark
RWTH Aachen
Bachelor
23.06.2025
Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens, Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Anne-Julchen Bernhardt
Wohnbauten
ArchiCad, Adobe Photoshop und InDesign, Twinmotion
Das Projekt "Haus für FLINTA*" entwickelt ein Konzept zur Umnutzung eines leerstehenden DDR-Plattenbaus in der Nordwestuckermark. Ausgangspunkt sind steigende Zahlen häuslicher Gewalt und die fortbestehende geschlechtsspezifische Diskriminierung von Frauen* in unserer Gesellschaft. Der Entwurf geht auf den akuten Mangel an Schutzräumen ein, vor allem im ländlichen Raum und für Frauen* mit Beeinträchtigungen.
Das Haus verbindet Schutzraum, Wohnen, Hotel- und Gastronomiebetrieb, Bildung und Pflege. Nach außen soll es ein feministischer Identifikationsort sein, der Care-Arbeit sichtbar macht und gesellschaftliches Bewusstsein schafft. Dabei folgt der Schutzraum dem Prinzip des offenen Frauenhauses: Sicherheit entsteht durch Gemeinschaft, nicht durch Anonymität. Frauen* müssen sich nicht verstecken oder einschränken, die Gesellschaft wird in die Verantwortung genommen.
Gleichzeitig dient das Haus Frauen* und Kindern konkret: Es stärkt Gemeinschaft, fördert Austausch und bietet Wohnraum, Schutz, Arbeitsplätze, Weiterbildung, Pflege, Erholung und Freizeitangebote. Die barrierefreie Gestaltung von Haus und Grundstück ist dabei von zentraler Bedeutung, als inklusiver Ort soll das Haus für alle offen sein.
Damit alle Bedürfnisse berücksichtigt werden, ist das Haus in verschiedene Zonen eingeteilt, die sich nach dem Grad der Privatsphäre und Aufenthaltsdauer unterscheiden. Im Erdgeschoss liegen Bar, Empfang, Café, Restaurant, Seminar- und Gruppenräume sowie Bibliothek und der nur über das Haus zugängliche Garten. Dieser bietet Treffpunkte, Freizeit- und Rückzugsorte. Halbprivate Bereiche erschließen Arbeits- und Servicezonen.
In den oberen Geschossen folgen Hotelzimmer, kleine Wohnungen und Pflege-WGs als private Bereiche. Die oberste Etage bildet den am stärksten geschützten Raum für schutzsuchende Frauen* mit Therapie-, Kinderbetreuungs- und Wohneinheiten sowie geschütztem Dachgarten. Die verschiedenen Gebäudeteile sind so angeordnet, dass alle Nutzungen und Nutzer*innen koexistieren können, ohne in ihrer Freiheit eingeschränkt zu werden.
Die architektonischen Eingriffe folgen bestimmten Prinzipien: Gemeinschaft wird gefördert durch Laubengänge, Balkone und gemeinsame Aufenthaltsbereiche. Fürsorge und Solidarität zeigen sich in Pflege-WGs und gemeinsamer Verantwortung für Kinder. Selbstbestimmung entsteht durch Bewegungsfreiheit im Haus und durch ein Maß an ökonomischer Unabhängigkeit durch Hotel-, Gastronomie- und Seminarbetrieb. Materialien wie Lehm, Holz und Kork sowie Pflanzen schaffen eine ruhige Atmosphäre, Farben und spielerische Elemente bringen Leichtigkeit.
Der Entwurf beansprucht keine vollständige Realisierbarkeit und ersetzt keine bestehenden Frauenhäuser. Er versteht sich als utopische Vision: ein Vorschlag für eine lebendige Architektur, die Gemeinschaft stärkt und strukturelle Veränderungen anstößt.
*"Frauen*" wird als Sammelbegriff für Personen verwendet, die als weiblich gelesen werden und/oder sich als weiblich identifizieren.
Text von Fine Storm.