Januar / Februar 2026
Technische Universität Berlin
Das Scheufelen Areal
Neue Potentiale durch Abrissvermeidung und Bestandsumnutzung der ehemaligen Papierfabrik
Technische Universität Berlin
Master
31.10.2025
FG Architektur der Transformation, Prof. Nanni Grau
Industriebauten
ArchiCAD, Adobe Creative Cloud
Bereits im Mittelalter wurde aus Wasserkraft Energie gewonnen. Vor allem an den strömungsstarken Neckarzuflüssen am Nordrand der Alb wurden Mühlen und Mühlenkanäle gebaut. Dabei entstanden vielerorts aus den Mühlen erste Industriebetriebe, die aus Wasserkraft mechanische und später elektrische Energie gewannen.
Bereits seit 1773 steht die Gründungsmühle der Papierfabrik Scheufelen in Oberlenningen, die 1855 Karl Scheufelen übernahm und damit den Grundstein der Firmengeschichte legte. Nach drei Insolvenzen musste das Unternehmen 2022 die Produktion endgültig einstellen und das gesamte Areal wurde an einen Investor verkauft. Die angestrebte Planung hat zur Folge, dass der Großteil des Gebäudebestands abgerissen werden soll. Damit werden neben der Verschwendung von kostbaren Ressourcen vor allem Identität, Erinnerungen und Baukultur in Vergessenheit geraten.
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit dem großflächigen Abriss auseinander und zeigt im Gegenzug mit hypothetischen Geschichten welche Potentiale in dem Bestand stecken und wie er erlebbar gemacht werden kann.
Der erste Teil der Arbeit dokumentiert den aktuellen Gebäudebestand anhand von Plänen und Fotografien, beschreibt den Ort, sowie seine Geschichte und zeigt durch transkribierte Gespräche den kulturellen und emotionalen Wert des Firmengeländes auf.
Im zweiten Teil finden sich konkrete Planungsansätze auf verschiedenen Maßstabsebenen. Das Scheufelen Areal soll zukünftig Raum für ein durchmischtes Quartier mit kurzen Wegen und zusätzlichem Mehrwert für die bereits in Oberlenningen lebende Bevölkerung bieten. Durch implementierte Nutzungen zur medizinischen Versorgung, Bildung, Kunst und Kultur, Freizeit und Gastronomie soll die alternde Bevölkerung im Alltag unterstützt und der ländliche Raum für neue Bewohner*innen attraktiver werden. Um detaillierter in den Entwurf einzusteigen, wird eine Zeile mit drei Bestandsgebäuden betrachtet, die besondere Typologien und räumliche Gegebenheiten liefern. Als neuer Mittelpunkt des Areals dient zukünftig die ehemalige Papier- und Streichmaschinenhalle. Sie wird zu einer flexibel bespielbaren Markthalle umgenutzt und durch Angebote wie den Wochenmarkt, Konzerte, Filmabende und Ausstellungen zu einem wichtigen Ort der Begegnung. Die daran anschließenden zwei Gebäude werden zu Wohnraum umgenutzt und sprechen durch ein breites Angebot an Wohnformen: Cluster, Wohngemeinschaft, Maisonette oder Mehrgenerationen Wohnen, ein diverses Publikum an. Vier Geschichten hypothetischer Persona veranschaulichen mögliche Tagesabläufe und Bedürfnisse potenzieller Nutzer*innen.
Mit dieser Arbeit möchte ich Menschen motivieren sich mit dem Gebäudebestand und den damit verbundenen Erinnerungen der Menschen zu beschäftigen. Es erfordert ein Umdenken Gegebenheiten wertzuschätzen, Potentiale zu erkennen und sie nicht als Problem anzusehen. Dieses Projekt steht stellvertretend für all die abrissgefährdeten Areale ehemaliger Fabriken entlang des Neckars und seiner Nebenflüsse.
Text von Lisa Brenner.