Werkzeug für klimagerechte Lehre: Der Handlungskatalog von nexture+
Der neue Handlungskatalog von nexture+ zeigt, welche Fähigkeiten Studierende und Hochschulen jetzt entwickeln müssen.
Wie bereitet man eine neue Generation von Planer*innen auf eine Zukunft vor, in der Bauen grundlegend anders funktionieren muss? nexture+ liefert darauf eine Antwort. Der Verein bringt Studierende und Berufseinsteigende zusammen, die ähnliche Fragen teilen. Viele erleben beim Start in den Beruf dieselben Baustellen: fehlende Orientierung, unsichere Verträge, Überstunden ohne Bezahlung. Hinzu kommt ein Planungsdiskurs, in dem junge Stimmen zwar gefragt, aber selten gehört werden. nexture+ vernetzt diese Stimmen, ermöglicht Austausch und schafft Sichtbarkeit.
Seit 2023 führt der Verein eine bundesweite Umfrage zu Arbeitsbedingungen durch. Die Ergebnisse zeigen, wie verbreitet prekäre Strukturen sind und wo Handlungsbedarf besteht. Mit dem neu erschienenen Handlungskatalog legt das Netzwerk nun eine erste gemeinsame Position vor. Darin wird beschrieben, wie klimagerechte Lehre aussehen kann, welche Kompetenzen dafür nötig sind und welche Rolle Hochschulen jetzt übernehmen müssen.
Warum ein Handlungskatalog?
Die Frage, wie klimagerechte Lehre konkret aussehen soll, beschäftigt Hochschulen seit Jahren. Klare Antworten fehlen. Einzelne Lehrende setzen starke Impulse, doch ein Studium, das klimagerechtes Planen strukturell verankert, ist noch nicht selbstverständlich. nexture+ startete deshalb einen offenen Prozess: In Zusammenarbeit mit Studierenden, Expert*innen und Lehrenden entstand eine Publikation, die keine Top-down-Lösung anbietet, sondern Werkzeuge für konkrete Veränderungen zusammenführt.
Sieben Orte, sieben Perspektiven
In sieben Werkstätten, verteilt auf sieben Städte sammelte das Netzwerk neue Perspektiven gemeinsam mit Expert*innen ein: darunter Theresa Keilhacker (ehemalige Präsidentin der Architektenkammer Berlin), Kassem Taher Saleh (Bundestagsabgeordneter, Bündnis 90/Die Grünen), Amandus Sattler (Ensømble, Präsident des DGNB) sowie Gabriele Bernatzky (Geschäftsführerin Hoskins Architects). Alle brachten ein symbolisches „Werkzeug“ mit, das aus ihrer Sicht klimagerechte Lehre ermöglicht – vom Energieausweis bis zur Reparaturkiste. Aus diesem Material entwickelte nexture+ die Aufgaben und Kernfähigkeiten, die zukünftige Architekt*innen befähigen, die Bauwende aktiv voranzutreiben. Diese diskutierte das Team u. a. auf dem Nachwuchsarchitekt*innentag 2024.
Was die Bauwende verlangt
Der Handlungskatalog definiert vier Kernfähigkeiten:
- fundiertes Wissen über Materialien, Prozesse und politische Rahmenbedingungen,
- konsequent klimagerechtes Handeln im Alltag,
- Mut, etablierte Abläufe zu hinterfragen,
- die Fähigkeit, Netzwerke aufzubauen.
Darauf aufbauend formuliert der Katalog fünf Aufgaben:
- Lehre als Motor nutzen: Studierende sollen Einfluss nehmen und nicht ausschließlich Regeln reproduzieren.
- Ein progressives Berufsbild entwickeln: Die „großen Meister“ gehören der Vergangenheit an. Das Berufsbild diversifiziert sich – und darin liegt Potenzial für echte Veränderung.
- Den eigenen Hochschulkontext erforschen: Jede Hochschule ist anders. Veränderung beginnt dort, wo Strukturen sichtbar werden.
- Klimagerechtigkeit didaktisch verankern: Nicht einzelne Inhalte, sondern der gesamte Gestaltungsprozess muss umstrukturiert werden.
- Veränderungen zulassen: Transformation erzeugt Reibung. Fehler, Unsicherheit und Chaos sind Teil des Weges.
Beispiele, die Mut machen
Als Ermutigung versammelt der Katalog Projekte, die bereits jetzt zeigen, wie klimagerechte Lehre und Baukultur funktionieren können. Dazu gehört der Abriss-Atlas, eine politische Plattform zur bundesweiten Dokumentation von Abrissen. Ebenfalls sichtbar ist aufhof & innovercity ein Reallabor der Hochschule Hannover, das städtische Transformation im Maßstab 1:1 erprobt. Die TU München zeigt mit Frauen Bauen, wie eine Ausstellung über die oft unsichtbare Arbeit von Architektinnen zum Lehrbeispiel werden kann. Und die hochschulübergreifende Ringvorlesung zur Bauwende vereint mehrere Hochschulen, die Klimagerechtigkeit verhandeln.
Was noch fehlt
Neben diesen realisierten Projekten formulieren die Werkstätten auch Wünsche – Impulse für Formate, die Hochschulen dringend brauchen. Dazu gehören ein Seminar zur aktuellen Architekturpolitik, eine Baumediation im Studium und die konsequente Vernetzung zwischen beruflicher und akademischer Lehre. Diese Ideen laden Hochschulen ein, mutiger zu experimentieren und Lehrformate zu schaffen, die das Studium zukunftsfähig machen.
Für Studierende ist der Handlungskatalog vor allem eines: Werkzeug. Er liefert eine Grundlage für Diskussionen, lässt sich in Kritiken einbringen und in Projekten anwenden. Vor allem aber eröffnet er die Möglichkeit, die Lehre weiterzuschreiben – als kollektives Projekt einer Generation, die die Bauwende aktiv gestaltet.