Wie viel Erhalt braucht ein Denkmal? Das Studio Höllenmaschine
Die Höllenmaschine zerfällt – und was nun? Studierende suchen neue Strategien für den Erhalt der Kokerei Zollverein.
Die Zentralkokerei Zollverein in Essen war einst die größte Kokerei Europas. Mehr als 300 Öfen produzierten täglich Tausende Tonnen Koks, über 1.000 Menschen arbeiteten in der rund 600 Meter langen Anlage. Rauchschwaden, Hitze und Schwefelgestank verschafften ihr den Spitznamen „Höllenmaschine“. Heute gehört die Anlage zum UNESCO-Welterbe – doch mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Stilllegung bedroht eindringendes Regenwasser den Bestand. Im Masterstudio „Höllenmaschine“ entwarfen Studierende der Hochschule München unter der Leitung von Prof. Thomas Neumann und Prof. Jochen Specht Schutzmaßnahmen für die Anlage und stellten zugleich die Frage: Kann Verfall Teil der Zukunft sein?
Wasser als größter Gegner
Das über 8.000 Quadratmeter große Flachdach der Koksofenbatterie wurde ursprünglich ohne Abdichtung gebaut – heute dringt Wasser in die Konstruktion ein, erste Bereiche gelten bereits als einsturzgefährdet. Eine klassische Sanierung kommt dabei kaum infrage, denn der Wert der Anlage besteht gerade darin, dass sie bis heute als industrielle Großmaschine erkennbar bleibt. Jede Maßnahme muss schützen, ohne den Charakter des Denkmals zu zerstören. Zwar gibt es einzelne Nachnutzungen auf dem Geländesowie studentische Entwurfskonzepte für Anlagen wie die Ventilatoren-Kühler, doch die Koksofenbatterie blieb weitgehend unangetastet. Ihr Erhalt ist ungeklärt.
Parallel zum Studio lobte die Stiftung Zollverein einen Realisierungswettbewerb für ein Schutzdach der Batterie aus – eine Frage, die den Standort schon länger begleitet. Die Studierenden nutzten diesen Anlass für grundsätzlichere Fragen: Muss jede Fläche dauerhaft geschützt werden? Wie viel Veränderung verträgt ein Denkmal? Und wie lässt sich Verfall gestalterisch begleiten?
Unsichtbarer Schutz
Die Arbeiten reagierten sehr unterschiedlich auf den Zustand der Kokerei: Mehrere Entwürfe entwickelten neue Dachsysteme, die die historische Ofendecke schützen, ohne die markante Silhouette der Anlage zu verändern. Reversible Konstruktionen aus leichten Aluminiumtragwerken legen sich als neue Schicht über den Bestand, nutzen vorhandene Schienenstrukturen als Auflager und leiten Regenwasser kontrolliert ab. Teilweise ergänzen Gründächer die Schutzsysteme und verbinden technische Instandhaltung mit einer neuen Landschaft auf der Ofendecke.
Andere Projekte setzten auf Beweglichkeit: Sie nutzten die vorhandenen Schienenanlagen der Kokerei-Fahrzeuge für fahrbare Konstruktionen, die Wetterschutz und temporäre Nutzungen miteinander verbinden. Wieder andere Arbeiten stellten zwei mögliche Zukünfte nebeneinander: den fortschreitenden Verfall auf der einen Seite und eine behutsam geschützte Anlage auf der anderen. Vegetation überwuchert Schienen, Pflasterflächen und technische Relikte, während zurückhaltende Dächer aus Stahl und transluzenten Elementen Tageslicht einlassen und die Kokerei wieder zugänglich machen.
Zwischen Denkmal und Zukunft
Andere Konzepte akzeptierten den Verfall als Teil des Entwurfs. Ein Projekt rahmte die zerfallenden Ziegelmauern mit einer leuchtend blauen Stahlkonstruktion. Der Eingriff setzt sich bewusst vom Bestand ab und macht sichtbar, was Denkmalpflege vielerorts verbirgt: den fortlaufenden Alterungsprozess. Gerade an solchen Positionen wird deutlich, dass es im Umgang mit der denkmalgeschützten Höllenmaschine nicht nur um Schutz geht, sondern um gestalterische Haltung. Jede Entscheidung verändert die Wahrnehmung der Anlage – sei es durch technische Überdeckung, reversible Systeme oder das bewusste Zulassen von Verfall.
Was soll von der Höllenmaschine in hundert Jahren noch übrig sein? Die Arbeiten zeigen, dass es darauf keine eindeutige Antwort gibt. Sie machen aber deutlich, dass sich Denkmalpflege heute immer wieder neu verhandeln muss – und damit auch die Frage, welche Eingriffe erlaubt sind.