Gefaltete Kräfte: Tragwerke aus Porzellan
Studierende entwickeln aus Papierfaltungen neue Porzellanformen und untersuchen ihre statischen Grenzen.
Porzellan besitzt keine eigene Tragstruktur. Anders als Holz folgt es keiner Faser, anders als Metall keiner Walzrichtung. Als Rohmasse verformt es sich unter Belastung ohne bevorzugte Richtung. Im Wahlpflichtfach „Mannigfaltig“ an der Hochschule Anhalt untersuchen Architekturstudierende deshalb die Frage: Kann eine Faltung dem richtungslosen Material eine tragende Form geben? Aus Papier entwickeln sie Flächentragwerke, überführen sie in Gipsformen und prüfen anschließend, welche Geometrien dem Brand bei fast 1200 Grad trotzen.
Der Ansatz entstand aus den Erfahrungen des vorherigen Kurses „Scherbenkleister“. Damals ließen Prof. Constantin Weber und Werkstattleiterin Christina Salzwedel Studierende bewusst mit den Grenzen des Materials arbeiten. Risse, Verformungen und Brüche waren keine Fehler, sondern lieferten Hinweise darauf, wo Porzellan versagt. Der neue Kurs geht einen Schritt weiter: Aus der freien Materialskizze wird eine Untersuchung von Statik.
Falten statt formen
Porzellan wirkt zunächst wie ein widersprüchlicher Werkstoff für Tragwerke. Die weiche Rohmasse lässt sich beliebig formen, besitzt aber keine natürliche Richtung, in der Kräfte abgetragen werden. Deshalb muss die Geometrie der Form während des gesamten Herstellungsprozesses dafür sorgen, dass Spannungen kontrolliert bleiben – beim Trocknen, beim Schrumpfen und beim Brennen. Eine gewölbte Fläche stabilisiert sich durch ihre Form, während eine plane Porzellanplatte beim Brennen kaum ohne Verformung auskommt. Der klassische Teller zeigt dieses Prinzip bereits im Alltag: Seine leichte Schalenform und die Punktsymmetrie halten die Fläche während des Brandes stabil. Der Kurs überträgt dieses Prinzip auf gefaltete Flächen. Die Studierenden arbeiten mit Methoden des Origami-Experten Paul Jackson und entwickeln Strukturen wie Sattelflächen oder Tonnengewölbe. Die einzelnen Falten wirken dabei wie eingezogene Träger: Jede Fläche stützt die benachbarte und verhindert, dass die Gesamtform nachgibt.
Offene statt geschlossene Volumen
Weber beschränkte den Entwurf im Kurs bewusst auf offene Körper wie Halbschalen. Der Grund liegt in der Statik: Ein geschlossenes Volumen stabilisiert sich durch seine eigene Geometrie von selbst, eine offene Fläche dagegen steht unter deutlich größerer statischer Spannung und macht das Tragverhalten der Faltung erst sichtbar.
Vom Papier in den Brennofen
Der Weg vom Papiermodell zum Porzellanobjekt verlangte eine eigene Technik. Die filigranen Faltungen müssen zunächst stabil genug sein, damit sie den Abformprozess überstehen. Die Studierenden verstärkten die Modelle mit passgenauen Kartonelementen und versiegelten sie mit Lack. Nach mehreren Versuchen mit Kunstharzen und Verfestigern erwies sich ausgerechnet eine einfache Lösung als die beste: handelsüblicher Farblack aus der Dose. Anschließend entsteht eine mehrteilige Gipsform. In diese füllten sie die flüssige Porzellanmasse. Nach dem Öffnen der Form bleibt eine wenige Millimeter dünne Schale zurück. Sie trocknet und durchläuft zwei Brennvorgänge. Während dieser Phase schrumpft das Material um bis zu 20 Prozent. Für die gefalteten Tragwerke wird dieser Prozess zur entscheidenden Prüfung: Die Geometrie muss ihre Spannung halten, obwohl sich das gesamte Objekt verändert. Die Porzellanmodelle können sich auf der Brennunterlage bewegen oder verhaken und dadurch unkontrollierte Kräfte aufbauen. Deshalb entwickeln Weber und Salzwedel zusätzliche Ankerpunkte aus Porzellan, die das Bauteil während des Schrumpfens stabilisieren und später entfernt werden. Erst wenn die Faltung diese Phase übersteht, zeigt sich, ob die gedachte Tragstruktur tatsächlich funktioniert.
Das Labor der Faltung
Weber wertet parallel größere Prototypen im eigenen Brennofen aus, doch die Richtung der Forschung bestimmen die Studierenden mit. So steigt in jedem Semester das Verständnis dafür, wie sich ein Tragwerk aus Porzellan überhaupt bauen lässt. Am Ende steht eine wachsende Sammlung geprüfter Formen – jede mit ihrer eigenen Antwort darauf, wie eine Fläche sich selbst tragen kann.