„Hay There!“: Drei Semester im Bündner Bergtal

Leerstehende Heuställe erzählen von alpiner Baukultur. Für ihre Zukunft entwickeln Architekturstudierende verschiedene Perspektiven.

Zwischen den Heuställen in den Bündner Alpen liegen oft mehrere hundert Meter. Manche stehen auf steilen Bergwiesen, andere am Waldrand. Seit Jahrhunderten prägen die kleinen Holzbauten das Landschaftsbild des Safientals und Ferreratals in der Schweiz. Die Lehrreihe „Hay There! Hay Again! Hay, for real?“ fragte, wie sich diese leerstehenden Wirtschaftsgebäude weiternutzen lassen, ohne ihre historische Bauweise zu verlieren. 

Dafür liefen Architekturstudierende der Technischen Universität Darmstadt zunächst von Stall zu Stall. Die dreisemestrige Lehrreihe unter der Leitung von Prof. Christoph Kuhn begann mit einer Bestandsaufnahme. Anschließend untersuchten die Studierenden, welche denkmalgerechten Eingriffe die Bausubstanz erlaubt und welche neuen Nutzungen sich in den Alltag der Täler einfügen lassen. Nächstes Jahr wird dort gebaut.

Zwei Täler, zwei Bautraditionen

Die historischen Heuställe erzählen viel über das Bauen im Alpenraum. Das Safiental und das Ferreratal trennen nur ein paar Kilometer, doch architektonisch unterscheiden sie sich deutlich. Im Safiental prägen Walser Streusiedlungen mit Holzbauten und Schindeldächern das Bild. Im Ferreratal zeigen sich rätoromanische Wurzeln: kompakte Dörfer und massive Steinbauten. Jede bauliche Entscheidung folgte einer konkreten Anforderung im Tal. Die Hanglage bestimmte die Stellung der Gebäude, das verfügbare Holz prägte ihre Konstruktion, das Klima beeinflusste Details wie Dachform und Fügung. 

Heute verbindet die Täler ein anderes Thema. Viele Heuställe haben ihre ursprüngliche Funktion verloren. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft machte sie überflüssig. Zurück bleiben Gebäude, die kaum noch jemand braucht. Ihr Erhalt liegt der Schweizer Gesellschaft am Herzen – als gebautes Gedächtnis einer Kulturlandschaft, die es zu bewahren gilt. Deshalb sucht die laufende Lehrreihe gemeinsam mit dem Naturpark Beverin nach neuen Nutzungen. Die Herausforderung für die Studierenden: Ein Konzept aus dem Safiental lässt sich nicht einfach auf das Ferreratal übertragen. Jede Umnutzung muss die vorhandene Konstruktion einbinden und auf ihre Eigenheiten reagieren.

Entwerfen beginnt mit Zuhören

Der erste Summerschool-Workshop der Reihe „Hay There!“ startete im Sommersemester 2025 mit einer Bestandsaufnahme. Die Studierenden verbrachten den Großteil des Semesters im Safiental. Sie vermaßen Gebäude, dokumentierten Konstruktionen und sprachen mit den Menschen, die die Ställe besitzen oder bewirtschaften. Die Gespräche brachten Eingriffe früherer Generationen sowie heutige Nutzungsmöglichkeiten ans Licht. Aus diesen Erkenntnissen entstand ein Rahmenplan. Er beschreibt, welche denkmalgerechten Eingriffe die historische Bausubstanz verträgt. Auf diesem Wissen bauten die folgenden Semester auf.

Entwürfe für den Agrotourismus

Im Sommersemester 2026 wechselten die Studierenden dann ins Ferreratal. Drei leerstehende Heuställe bildeten die Grundlage für neue Entwürfe. Geplant waren kleine Unterkünfte für den Agrotourismus. Ein Landwirt begleitete die Arbeit während des gesamten Semesters. Er diskutierte die Vorschläge mit den Studierenden und prüfte, welche sich in seinem Betrieb umsetzen lassen. 

Der Heustall als Bauaufgabe

Mit „Hay, for real?“ wird die Lehrreihe 2027 ihren letzten Schritt gehen. Einer der studentischen Entwürfe soll gemeinsam mit einem Landwirt im Ferreratal umgesetzt werden. Die Studierenden werden den Umbau vor Ort begleiten und ihre Entwürfe unter realen Bedingungen weiterentwickeln. Dieser Entwurf muss den Anforderungen eines landwirtschaftlichen Betriebs standhalten. Welche Idee schließlich gebaut wird, entscheidet der Landwirt im Ferreratal. 

Heuställe als gebaute Wissensspeicher

Die Lehrreihe nutzt historische Wirtschaftsgebäude als konkrete Lernorte für den Entwurf. Ihre Konstruktionen bewahren Wissen über das Bauen im Alpenraum, das aus der direkten Auseinandersetzung mit dem Ort entstand. Wer heute an diesen Gebäuden weiterbaut, muss diese Zusammenhänge verstehen, bevor neue Eingriffe vorgenommen werden. Darin liegt auch ihr Wert für die Architekturlehre: Die Studierenden lernen die Architektur dort kennen, wo sie entstanden ist – im Austausch mit den Menschen, die sie gebaut und über Jahrzehnte erhalten haben.