Der Baustoff gibt die Richtung vor: Das Material LAB
Vom Schilf bis zum Altholz: Studierende testen Baustoffe im Detail und überführen ihre Versuche in 1:1-Mock-ups.
Schneiden, fügen, weiterbauen: Im Material LAB der Universität Stuttgart erleben Studierende Baustoffe beim Bauen. Unter Leitung von Prof. Annika Seifert am Institut für Baustofflehre, Bauphysik, Gebäudetechnologie und Entwerfen testen sie Rohstoffe zunächst in kleinen Mock-ups, prüfen Fügetechniken und übertragen ihre Erkenntnisse auf Konstruktionen im Maßstab 1:1. 2025 arbeiteten sie im Seminar „Grassroots“ mit Schilf, Stroh, Bambus, Hanf und Seegras. 2026 untersuchte „Salvaged Timber“ Verschnitt und gebrauchtes Holz aus Rückbau und Holzindustrie. Beide Seminare folgen einer Methode: Der Entwurf wächst aus dem Versuch am Material.
Fügen, bevor die Form entsteht
Bei „Grassroots“ ging es am ersten Tag direkt ans Material. Jede Gruppe erhielt einen Rohstoff aus der Familie der Süßgräser und erprobte an kleinen Mock-ups verschiedene Fügetechniken mit Schnur, Pflanzenfasern und natürlichen Klammern. Die Studierenden prüften, welche Verbindungen halten, sich wieder lösen lassen oder den Rohstoff beschädigen. Funktionierte eine Variante nicht, änderten sie die Verbindung und bauten erneut. Jeder Versuch zeigte Stärken, Schwächen und Grenzen des Materials. Aus den Experimenten entwickelten sie konkrete Konstruktionsideen und überführten sie in 1:1-Prototypen, wie etwa Dachdeckungen aus Stroh oder Tragstrukturen aus Bambus.
Gebrauchtes Holz, neue Aufgaben
Was aus Restholz werden kann
Beim Schwartenholz untersuchte eine Gruppe, wie sich der unregelmäßige Rand des Stammes für eine Fassade nutzen lässt. Sie entwickelte daraus eine Waldkantenschalung und übernahm den Querschnitt, wie er beim Aufsägen von Rundholz anfällt. So nutzten die Studierenden das Material fast vollständig und vermieden zusätzlichen Verschnitt.
Bei ausgedienten Europaletten gingen die Studierenden hingegen einen anderen Weg: Sie sortierten die gebrauchten Bretter, entfernten beschädigte Bereiche und lamellierten die verbleibenden Stücke zu neuen Querschnitten. Daraus entwickelten sie einen Ansatz für tragende Bauteile. Die Gruppe prüfte damit, wie sich gebrauchtes Holz trotz seiner Vorschäden wieder in einen konstruktiven Zusammenhang bringen lässt.
Eine dritte Gruppe nahm sich der Birkenrinde an. Die Gruppe untersuchte, ob sich ihre natürliche Funktion als Schutzschicht des Baumes auf eine Fassadenbekleidung übertragen lässt. Statt die Rinde direkt energetisch zu verwerten, würde sie damit erneut als Baustoff eingesetzt.
Vom Mock-up zur Prüfung
Mit dem 1:1-Mock-up endete der Versuch noch nicht. Anschließend sollten die Gruppen ihre Konstruktionen weiter beproben und die Ergebnisse auswerten. Je nach Anwendung standen Feuchte, Brandverhalten oder statische Belastung im Mittelpunkt. Die Prüfungen im Material LAB zeigen erste Tendenzen, ersetzen aber keine Langzeittests unter realen Bedingungen. Ob eine Waldkantenschalung Witterung über Jahre standhält oder ein Brettschichtholzbalken aus Europaletten dauerhaft trägt, lässt sich erst im tatsächlichen Einsatz zeigen.
Lernen am Material
Zum Abschluss führten beide Seminare ihre Arbeiten in jeweils einer Ausstellung zusammen. Neben den Mock-ups zeigten die Studierenden Materialproben, Datenblätter und Versuchsergebnisse. So ließ sich nachvollziehen, wie aus einem ungeeigneten oder gebrauchten Rohstoff über viele kleine Versuche eine konkrete konstruktive Idee entstand.
Am Ende zeigen die Ausstellungen kein fertiges Produkt, sondern vielmehr ein genaueres Bild vom Material: Das eigene Ausprobieren gab den Studierenden die Möglichkeit zu erfahren, was sich bauen lässt – und wo eine konstruktive Idee auch an ihre Grenzen stoßen kann.