Einmal Bananenförmig durch Europa: Das Studio Blue Banana

Wo die Industrie verschwindet, bleiben Brachen zurück. Das Studio „Blue Banana“ untersucht in Rotterdam und Charleroi, wie daraus neue Räume für Wohnen, Produktion und Kultur entstehen können.

Die dichte Industrielandschaft Europas verändert sich. Produktion wandert ab, Häfen automatisieren ihre Abläufe, ehemalige Herstellungsstätten verlieren ihre Funktion. Wo industrielle Nutzung verschwindet, bleiben Räume zurück, die nach neuen Perspektiven verlangen. Das Bachelorthesis-Studio „Blue Banana“ des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) nimmt diese Orte des Wandels genauer unter die Lupe. Unter der Leitung von Prof. Marc Frohn fragt die mehrjährige Studioreihe, wie sich ehemalige Industrieareale räumlich neu denken lassen. 

Rotterdam bildete 2025 den Auftakt, 2026 folgte die belgische Stadt Charleroi. In den kommenden Jahren stehen unter anderem das Ruhrgebiet, Ludwigshafen, Metzingen, Luxemburg, Cattenom und Zug auf dem Programm. Dabei geht es nicht um eine gemeinsame Lösung für eine ganze Region. Jede Stadt bringt ihre eigene Geschichte, Infrastruktur und räumliche Situation mit. In Rotterdam entwickelten die Studierenden neue Verbindungen von Wohnen und Produktion, in Charleroi machten sie Leerstand zum Ausgangspunkt für Kultur und Arbeit.

Die Blue Banana als europäische Wirtschaftsachse

Der französische Wirtschaftsgeograf Roger Brunet und sein Team prägten 1989 den Begriff „Blue Banana“. Gemeint war ein europäischer Verdichtungsraum, der sich in einem Bogen von der Irischen See über Benelux, das Rheingebiet und die Schweiz bis nach Norditalien zieht. Auf der Karte erinnert seine Form an eine Banane. Entlang dieser Achse konzentrierten sich Industrie, Handel, Verkehr und Bevölkerung: Rotterdam wurde mit seinem Hafen zu einem internationalen Umschlagplatz, das Ruhrgebiet und Charleroi wuchsen durch Kohle und Stahl. Ihre wirtschaftlichen Entwicklungen verliefen unterschiedlich, hinterließen aber vergleichbare räumliche Strukturen: Hafenbecken, Bahntrassen, Produktionsstandorte und großmaßstäbliche Infrastrukturen. Diese Orte bilden den geografischen Rahmen für die Studierenden.

Neues Wohnen am ehemaligen Hafen

Im Sommersemester 2025 startete die Studioreihe in Rotterdam. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt unter dem Leitmotiv „zuerst der Hafen, dann die Stadt“ wiederaufgebaut und der Hafen kontinuierlich erweitert. Mit der zunehmenden Automatisierung verlagerte sich die Hafenwirtschaft weiter seewärts. Ältere Hafenflächen verloren teilweise ihre Funktion und rückten näher an die wachsende Stadt. Gleichzeitig stieg der Bedarf an Wohnraum. Die Studierenden entwickelten Entwürfe, die diese Flächen für neue Formen des Wohnens und Produzierens nutzen.

Donata Gocke verbindet in „Huis Zeep“ beides auf einem Pier am Hafenrand. Ihr Entwurf sammelt Grauwasser aus Duschen, Waschbecken und Waschmaschinen und nutzt es für die Seifenproduktion vor Ort. Wer hier wohnt, ist zugleich Teil des Herstellungsprozesses und die ehemalige Hafenfläche erhält dadurch eine Nutzung, die Produktion wieder in den Alltag der Stadt integriert.

Lucia Mombaur macht in „Residential Reservoir“ die Wasserversorgung zum räumlichen Rückgrat des Hauses. Sechs fünfgeschossige Wohneinheiten gruppieren sich um einen vertikalen Filter- und Speicherbereich. Das Wasser durchläuft verschiedene Materialschichten und wird je nach Reinheitsgrad für Bewässerung, Sanitäranlagen, Waschen, Baden oder als Trinkwasser genutzt. Jede Ebene folgt dieser Abstufung – von der begrünten Dachlandschaft bis zur Küche im Erdgeschoss.

Kultur aus dem industriellen Leerstand

Im Sommersemester 2026 führte die Studioreihe nach Charleroi, einst Zentrum der belgischen Kohle- und Stahlindustrie. Mit dem Niedergang der Schwerindustrie verlor die Stadt ihre wirtschaftliche Grundlage. Zurück blieben Industriebrachen und ungenutzte Grundstücke. Anders als im nahe gelegenen Brüssel ist Fläche hier kein knappes Gut. Für die Studierenden wurde diese Leere zum Ausgangspunkt.

Auf einem Grundstück direkt am Bahnhof entwirft Charline Fuchs mit „A Space Odyssey – The Void is the Stage“ einen Komplex für Kunst und Kultur. Rolltreppen führen durch eine Kugel, eine Blackbox und weitere Medienräume. Klang, Licht und immersive Installationen begleiten den Rundgang. Fuchs macht dabei den Weg selbst zum Bestandteil des Entwurfs: Die Besucher*innen bewegen sich durch unterschiedliche Atmosphären, die Leere wird zur Bühne.

Emil Leyens setzt bei der Struktur des Grundstücks an. Er führt die Erschließung in Strahlen vom Bahnhof ins Gebäude und ordnet daran Café, Seminarräume, Ateliers und Werkstätten an. Dazwischen bleiben Freiflächen, Lager- und Pufferzonen. Die Nutzungen lassen sich dadurch verändern und erweitern. Statt jeden Quadratmeter festzulegen, hält Leyens Teile des Gebäudes offen – passend zu einem Ort, dessen industrielle Nutzung bereits große Leerstellen hinterlassen hat.

Was bleibt von Europas Industrieachse?

Die „Blue Banana“ beschreibt heute weniger eine geschlossene wirtschaftliche Achse als eine Landschaft voller Übergänge, wo die Spuren der Industrie prägend bleiben. Alte Hafenbecken können zu Wohn- und Produktionsorten werden und freie Flächen schaffen Platz für Programme, die in dicht bebauten Städten kaum möglich wären. Die Aufgabe des Planenden besteht darin, diese vorhandenen Strukturen weiterzudenken, statt sie durch neue zu ersetzen. Die nächsten Stationen der Studioreihe werden zeigen, welche Formen daraus entstehen können.