Baukunst oder anderes Wachstum? Eine städtebauliche Auseinandersetzung mit dem scheinbaren Widerspruch von Kultur und Natur

Künstler, Performer, Autor, Architekt, Forscher – Martin Hablesreiter spekuliert über die verlorene Symbiose zwischen Produktion und Konsum von Lebensmitteln. Utopische Visualisierungen unterstreichen den provokanten Gedankengang seines künstlich und künstlerisch intelligenten Ansatzes. Ein Beitrag, der provoziert und zum Nachdenken anregt. 

Die urbane Lebensmittelversorgung bleibt unsichtbar. Sie wurde in ferne Landschaften der Spekulation ausgelagert. Intransparente Kanäle voller Zerstörung und Ausbeutung füttern Städte mit Essen. Mit menschenwürdiger Stadtplanung hat das nichts mehr zu tun. Auch fordert die gefährliche Überhitzung eine völlig neue planerische, kreative Auseinandersetzung mit der Symbiose von Kultur und Natur. 

Architektur und Biodiversität weiterhin als Gegenspieler zu betrachten, ist fahrlässig. Pflanzen als CO₂-Speicher, Schattenspender und anspruchslose Kühlaggregate sind als stadtplanerische Elemente unerlässlich. Um sie in Planungsprozessen zu verankern, eignet sich die Idee der essbaren Stadt. Essbare Kulturpflanzen können die Kluft zwischen Natur und Kultur schließen und so stadtplanerische Elemente werden.

Ich bin über fünfzig. Als (ehemaliger) Architekt gehöre ich zur „Chicago-ist-geil“-Generation. Wir lernten, dass Städte aus Beton, Stahl und Glas bestehen. Wir lernten, jede Art von Natur beherrschen zu wollen. Als Grünwähler, Biofresser und Autoverweigerer war mir mein architektonischer Anti-Öko-Fetisch natürlich nicht bewusst, bis uns vor einigen Jahren der Wiener Schneckenzüchter und Aktivist Andreas Gugumuck anrief. Er fragte, ob wir gemeinsam ein diskursives Projekt für eine nachhaltige, essbare Stadt entwickeln könnten. Da kamen ziemlich viele eingeprägte No-Gos auf uns zu: Partizipation, Ökologie und die Auseinandersetzung mit Pflanzen und Tieren in der Stadt. 

Konkret ging es um Rothneusiedl, einen Stadtteil Wiens. Dort liegt die größte landwirtschaftliche Fläche innerhalb der Stadtgrenzen. Trotz geschätzter 75.000 leerstehenden Wohnungen veranlasste die Stadtregierung und Immobilienentwickler dazu, den fruchtbaren Boden aufzukaufen. Am Rande einer losen, fast bäuerlichen Bebauungsstruktur sollen 9.000 neue Wohnungen entstehen. Derzeitigen Bewohner*innen schmeckt das gar nicht. Sie besetzten einen alten Gutshof am Gelände, tauften ihn „Zukunftshof“ und schufen ein aktivistisches Kulturzentrum. Dort sollten wir Debatten über die essbare Stadt anstoßen.

Meine honey & bunny-Partnerin Sonja Stummerer und ich brachten Gäste mit verschiedenen Backgrounds – Architekt*innen, Bauträger*innen, Wissenschaftler*innen und Bürger*innen - zusammen, um über nachhaltige Stadtplanung zu diskutieren. Wir wollten echte Debatten, keine Post-it-Wände! Mit Eat Art provozierten wir alle Beteiligten. Sie mussten Grenzen überschreiten und Hierarchien zerschlagen, um Diskussionen auf Augenhöhe zu ermöglichen. Beim Essen ist das kooperative Lossagen von Regeln einfach.

Bemerkenswerterweise hatte sich davor keiner unserer Gäste zur essbaren Stadt Gedanken gemacht. Nicht einmal unsere Architekt*innen dachten über die Versorgung von Städten mit Essen nach. Auch für honey & bunny war diese Auseinandersetzung ein schwieriger Schritt. 

Was ist die essbare Stadt?

2001 sagte Arata Isozaki zu uns, die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts sei eine faire, nachhaltige und gesunde Nahrungsmittelproduktion für bis zu zehn Milliarden Menschen. Architekt*innen müssten sich diesem Thema widmen. Das gestaltet sich mit unserem gestalterischen Mindset gar nicht so einfach: Die Lebensmittelversorgung ist vom städtischen Boden entkoppelt. 

Gewächshäuser für Tomaten sind im dichten Stadtraum kaum zu finden. Weizenfelder zwischen Bürohochhäusern oder Kartoffelbeete vor Ministerien – all das erscheint absurd. Nutztiere in der Stadt? Undenkbar. Einst omnipräsente Bäckereien, Fleischereien, Molkereien oder Brauereien haben sich weitgehend an die Ränder zurückgezogen. Die Stadt gilt nicht als landwirtschaftliche Fläche, sie ist Kulturland. Klassische, also gebaute, oft prachtvolle Architektur dominiert den urbanen Raum. Versiegelte Oberflächen stehen für Stadthygiene und Mobilität. Erde wäre Schmutz und würde unverzüglich entfernt werden. 

Doch die alte Kulturlandschaft Stadt ist bedroht. Hitze, steigende Meeresspiegel, überquellende Flüsse und Extremwetter können sie zur Todesfalle machen. 

Architektur und Stadtplanung benötigen neue Ziele zur Symbiose von Natur und Kultur. Die Stadt als auch die Biosphäre sind unsere Behausung. Die Lebensmittelproduktion, die urälteste Kulturtechnik, schlägt eine Brücke zwischen Natur und Kultur. Beim Essen (v)erklären wir die Natur zur Kultur. Diese essenzielle Kulturtechnik verbindet (und trennt) Menschen und Gemeinschaften und kann neue Synapsen kreativer Prozesse erschaffen. Wir müssen es nur wollen. Am Zukunftshof erkannten alle Beteiligten, dass wir alle viele Grenzen überwinden müssen, um uns bessere, zukunftsorientierte Ziele für Architektur und Stadtplanung ausdenken zu können.