Ein Parkdeck macht Platz: Das Studio „THIRD SPACE / PARKING LOT“

Was tun mit mehr als 100 Metern ungenutztem Parkdeck? Studierende transformieren den gesperrten Bestand am Berliner Mehringplatz zu Räumen für Sport, Kultur und Begegnung.

Über 100 Meter Beton durchziehen das Quartier am Mehringplatz. Autos parken hier längst nicht mehr, das Parkdeck ist gesperrt und liegt brach. Dass Architektur-Erstsemester der UdK Berlin ausgerechnet an diesem Gebäude ihren ersten Entwurf wagen, überrascht: Ein über 100 Meter langer Bestand in einer sozial komplexen Umgebung ist üblicherweise eine Aufgabe für fortgeschrittenere Semester. Doch Prof. Norbert Palz richtet sie an Studierende im Bachelor-Studio „THIRD SPACE / PARKING LOT“. Aus dem stillgelegten Parkdeck sollten neue Räume für das Quartier entstehen – und damit ein Ort, der heute abgeschottet ist, wieder Teil des öffentlichen Lebens werden.

Aus Angstraum wird Quartiersraum

Zuerst beobachteten und dokumentierten die Studierenden das Quartier. Rund um den Mehringplatz leben eine migrantisch geprägte Community und langjährige Altmieter*innen nebeneinander, oft ohne Berührungspunkte. Manche Wohnungen sind überbelegt, während soziale Räume fehlen, die Begegnungen zwischen den Gruppen ermöglichen könnten. Das gesperrte Parkdeck gilt als Angstraum.

Die Studierenden betrachteten den Ort aus der Perspektive seiner Nutzer*innen. Dafür entwickelten sie Personas, die Bewohner*innen mit unterschiedlichen Lebenssituationen, Wegen und Bedürfnissen repräsentierten. Wie bewegt sich jemand durch das Quartier? Wo hält er*sie sich auf? Welche Räume nutzt die Person , und wo stößt sie auf Barrieren? Die Personas halfen, sich in diese Situationen hineinzuversetzen, statt räumliche Bedürfnisse abstrakt zu analysieren. 

Aus diesen Beobachtungen entstanden Ideen für die Nutzung des Parkdecks: Kochen, Arbeiten, Sport oder kulturelle Angebote sollten den bisher leeren Ort beleben. Hier sollte ein „Third Space“ entstehen: Gemeinschaftsräume, deren Funktion sich aus dem Alltag der Menschen entwickelt. 

Was das Parkdeck vorgibt

Nach der sozialen Analyse folgte die bauliche. Unterzüge durchziehen die Decken, niedrige Geschosshöhen begrenzen die Räume, das Tragwerk diktiert ein festes Raster. Für die Studierenden wurde der Bestand zur ersten großen Einschränkung – und zugleich zum Werkzeug: Was lässt sich übernehmen, was muss weichen, wo braucht es neue Räume? Einige Gruppen entfernten in ihren Entwürfen Teile der Stahlbetonplatten und schufen zweigeschossige Räume. Andere nutzten das Tragwerk als Gerüst und setzten neue Volumen hinein. Wieder andere ergänzten Fassaden oder öffneten Bereiche zum Stadtraum.

Skateboardhalle, Taubenschlag oder Boxring

Eine Gruppe öffnete große Bereiche des Parkdecks und behandelte die Länge des Gebäudes als Bewegungsstrecke für Skateboarding. Das Skaten zieht sich durch die Struktur und verändert, wie man sich durch das Gebäude bewegt. Ein anderes Team hatte eine verletzte Taube während eines Ortsbesuchs gefunden und zum Tierarzt gebracht. Daraus entstand ein Entwurf, der Teile des Gebäudes für Vögel reserviert und ein Beobachtungszentrum mit weiteren Nutzungen verbindet. 

Ein dritter Entwurf verteilte Sportangebote für FLINTA-Personen im Parkdeck. Boxen, Fußball und Zirkus besetzten unterschiedliche Bereiche. Die Gruppe schnitt größere Volumen aus dem Bestand und ergänzte neue Bauteile mit Fachwerkträgern und öffenbaren Elementen.

Den eigenen Weg zum Entwurf finden

Gerade zu Beginn des Studiums wollte das Studio den Studierenden möglichst viele Werkzeuge an die Hand geben. Sie sollten ausprobieren, ihre Ideen mit physischen Modellen, Collagen, Fotografien, im 3D-Druck oder mit KI weiterzuentwickeln. Die Lehrenden legten bewusst kein Medium fest, sondern gaben Raum, eigene Arbeitsweisen zu entdecken, Dinge auszuprobieren und auch zu verwerfen. 

Eine Lektion fürs ganze Studium

Das erste Studienjahr prägt die eigene Haltung zur Architektur oft besonders stark. Was Studierende hier über sich selbst herausfinden – welche Fragen sie interessieren, wie sie arbeiten, was für ein Verständnis von Architektur sie entwickeln –, begleitet sie oft durch das gesamte Studium. Umso wichtiger ist für Prof. Norbert Palz, dass Lehrende orientieren, ohne einen Stil vorzugeben. 

Am über 100 Meter langen Parkdeck erlebten Studienanfänger*innen früh, wie sehr Architektur auch gesellschaftliche Prozesse mitgestaltet. Aus dem Angstraum am Mehringplatz entstanden so Entwürfe für einen Ort, der dem ganzen Quartier offensteht.