Andere Wege zum Entwurf: Sumayya Vallys Architekturlehre

Ein Studio arbeitet mit Erinnerung, Ritual und Erzählung – und stellt damit unsere eigenen Entwurfsgewohnheiten infrage.

Kann ein Ritual zum Grundriss werden? Für Prof. Sumayya Vally darf am Anfang eines Entwurfs auch eine Geschichte stehen, die nur mündlich weitergegeben wurde; ein Klang, der an einen Ort erinnert; oder eine Bewegung, die sich über Generationen wiederholt. An der Graduate School of Architecture, Planning and Preservation (GSAPP) der Columbia University gab Vally ihren Studierenden 2025/26 den Auftrag, solche Quellen zum Ausgangspunkt ihrer Entwürfe zu machen. Daraus entstanden spekulative Architekturen: farbig, detailreich und mit Perspektiven, die Raum auf eine ganz eigene Weise erzählen.

An African Almanac Unit 12

Eine Methode aus Johannesburg

Diese Methode hat Vally über Jahre entwickelt. Zwischen 2015 und 2021 leitete sie das Studio „An African Almanac“ an der University of Johannesburg, deren Architekturschule Lesley Lokko gegründet hatte. Das Studio betrachtete den afrikanischen Kontinent als Quelle eigener Wissensformen und Architektursprachen. In Johannesburg arbeiteten die Studierenden mit indigenen und diasporischen Erfahrungen. Dafür zerlegten sie Rituale und Erzählungen in ihre räumlichen Bestandteile: Wo findet eine Handlung statt? Welche Wege bestimmt sie? Wann wird ein Ort zum Treffpunkt, zur Grenze oder zur Bühne? Aus diesen Beobachtungen entwickelten sie Regeln für ihre Entwürfe. Eine Bewegung konnte einen Grundriss beeinflussen, der Ablauf eines Rituals eine Raumfolge.

 

Warum zeichnen wir Raum eigentlich so, wie wir ihn zeichnen?

Kamal Ranchods Projekt „Historiography of the Maroc“ untersuchte, wie unterschiedliche Kulturen Raum darstellen. Die Renaissance-Perspektive, die Filippo Brunelleschi im 15. Jahrhundert mit der Zentralperspektive maßgeblich prägte, hat unser westliches Verständnis von räumlicher Darstellung bis heute beeinflusst. Sie konstruiert Raum geometrisch und richtet den Blick auf einen definierten Fluchtpunkt. Doch diese Form ist keineswegs die einzige Möglichkeit, Raum abzubilden. Persische und mogulische Darstellungen folgen anderen Regeln. Sie verteilen Informationen über die Bildfläche und gewichten Atmosphäre und räumliche Beziehungen stärker. 

Ranchod zerlegte die unterschiedlichen Darstellungsweisen und kombinierte ihre Regeln neu. Seine Zeichnungen erinnern an gewebte Teppiche: Kräftige Farben, historische Motive und detaillierte Architekturdarstellungen treffen aufeinander. Dabei untersuchte er, wie sich durch die Wahl einer Darstellung auch die Erzählung über einen Ort verändert. Aus den verschiedenen Bildsystemen entwickelte er schließlich ein Museumsprogramm zur Geschichte des Maghreb, das sich aus unterschiedlichen Perspektiven lesen lässt.

Ein weiteres Beispiel aus Johannesburg ist Tonia Murrays „The Liberation Carnival“. Sie verlegt den Entwurf an den Hafen von Le Port auf Réunion, den Frankreich 1642 als ersten Kolonisationspunkt der Insel etablierte. Für den Gedenktag an die Abschaffung der Sklaverei 1848 entwarf Murray einen fiktiven Karneval. Die ehemalige Hafenanlage wird dabei zur temporären Festlandschaft: Wege, Aufenthaltsorte und öffentliche Räume ordnen sich für diesen Tag um das Ritual, und es entsteht eine neue politische und kulturelle Landschaft.

Geschichten bekommen Räume

Was in Johannesburg als Methode entstand, führte Vally in New York weiter. Interessant ist dabei auch der Kontext: An der Columbia GSAPP treffen diese experimentellen Methoden auf die Geschichten einer internationalen, von Migration und Diaspora geprägten Studierendenschaft. 

Das Studio gliederte sich in vier Entwurfsaufgaben: Die Studierenden begannen mit mündlichen Überlieferungen, Klängen und Ritualen. Sie suchten darin räumliche Muster und übersetzten sie in Zeichnungen, Karten und Modelle. Erst danach führten sie die Recherche in einen eigenen architektonischen Entwurf über.

Tamzid Jaigirdar rekonstruierte in seinem Projekt Fragmente der ehemaligen Curry Row in Manhattan. Historische Fassaden und Innenhöfe werden zu einem neuen Charbagh: einer persisch-islamischen Gartenform, die den Raum in vier Bereiche gliedert und hier die heutigen Grundstücksgrenzen überschreitet. 

Mahum Erkin untersuchte in dem Projekt „Weaving Home“ die Handarbeit uigurischer Frauen in Ostturkistan. Weben und Kneten gehören zu Praktiken, über die sie Wissen und Erinnerung weitergeben. Erkin übertrug diese Choreografien der Hände in räumliche Abläufe und entwickelte daraus mit Faden und Teig eigene tektonische Strukturen. So entstand ein spekulatives Zuhause, das kulturelle Erinnerung über körperliche Praktiken bewahrt – gerade auch vor dem Hintergrund der Vertreibung und Inhaftierung der uigurischen Bevölkerung.

Eine andere Architekturlehre

Ein Grundriss ist nur eine von vielen möglichen Übersetzungen von Raum, geprägt durch Jahrhunderte europäischer Zeichenkonvention. Wer anders zeichnet, sieht anders. Im Studio von Prof. Sumayya Vally heißt das: Immaterielle Formen von Wissen geören ebenso zum Entwurfsmaterial wie Ziegel oder Holz. Die Bilder, die dabei entstehen, erzählen zunächst eine Geschichte – und erklären erst danach einen Raum. Das öffnet sie auch für Betrachter*innen, die nie einen Grundriss lesen gelernt haben.