Murxen mit Methode: Studioreihe Fictional Ruins

Was sonst als minderwertig gilt, wird hier zur Methode des Umbaus – die produktive Zerstörung. Die Studioreihe nimmt banale Bestandsgebäude auseinander und erfindet sie neu.

Murx, oft auch Murks, bezeichnet umgangssprachlich eine mangelhafte Arbeit. Die Professur Entwerfen und Raumgestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar unter der Leitung von Prof. Max Otto Zitzelsberger macht den Dilettantismus zur professionellen Methode des Umbaus – zuletzt in den Studios „Fictional Ruins“ und „Murx“. Im Studio gibt es weder eine vorgegebene Nutzung noch ein festes Raumprogramm. Die eigentliche Aufgabe ist der Bestand. Und für seine Veränderung gibt es keine Grenze: Teile dürfen herausgelöst, verändert, ergänzt oder ganz neu zusammengesetzt werden. Daraus entstanden detailreiche, farbige Zeichnungen, die die Studierenden im Modell weiterentwickelten – bis aus der vorgefundenen Konstruktion etwas Eigenes wurde.

Improvisieren im Bestand

Pfuschen und Basteln gehören seit Jahrhunderten zum Umbau von Häusern. Als Architektur galten sie bisher kaum. Das Studio erklärt nun diese kleinen Eingriffe zur Architektur. Die „Fictional Ruins“ schaffen dafür einen gedanklichen Freiraum. Die Studierenden bekommen keine fertige Entwurfsaufgabe, sondern müssen aus dem Bestand selbst eine Frage entwickeln. Zunächst dürfen sie ausprobieren, verändern und auch zerstören, ohne den Regeln des Entwerfens zu folgen. Murxen bedeutet also, das Gelernte für einen Moment beiseitezuschieben und zu schauen, was passiert, wenn man am Vorgefundenen weiterarbeitet. Das Studio nennt das produktive Zerstörung. 

Häuser, auf die niemand schaut

Ihre Untersuchungsobjekte findet das Fachgebiet auf der Immobiliensuchplattform ImmoScout unter den Leerständen, die zum Verkauf stehen: die unscheinbaren Häuser, die grauen Mäuse. Im Wintersemester 2025/2026 war es ein Komplex im Nordosten Gothas in Thüringen, zusammengesetzt aus Autowerkstätten und Fachwerkhäusern. Früher arbeiteten dort etwa 40 Angestellte, es gab eine Kegelbahn und Wohnungen. Inzwischen sind die Gebäude heruntergekommen und einige stehen leer. Nach Exkursion und Aufmaß suchten sich die Studierenden eine Situation im Gebäude, die sie interessierte: eine unscheinbare Konstruktion oder eine merkwürdige Ecke. Sie zeichneten diese Stelle von Hand und entwickelten daraus ihre Entwürfe. Dabei überlagerten sich neue und bestehende Teile zu einer Art Collage aus Alt und Neu.

Im Sommersemester 2026 arbeiteten die Studierenden in einem abgebrannten Kino in der Nähe von Weimar. Das Gebäude war komplett entkernt und bot einen guten Ausgangspunkt für das produktive Murxen. Sie suchten sich wieder eine Ecke aus, die sie interessierte, lösten sie als Fragment aus dem Gebäude und bauten daran weiter. Diesmal konnten sie noch einen Schritt weitergehen: Das Fragment musste nicht dort bleiben, wo sie es fanden. Sie konnten es gedanklich in eine andere Umgebung versetzen und von dort aus weiterbauen.

Weiterbauen im Modell

Im nächsten Schritt bauten die Studierenden große, detaillierte Modellfragmente aus gebrauchtem Material: Wellpappe, Holz, Gips, Metall, Kreppband. Beim Bauen untersuchten sie das Gebäude und entwarfen gleichzeitig. Auch hier wurde gefriemelt und gefrickelt: Ein Stück kam dazu, ein anderes flog wieder raus, etwas wurde verschoben und noch einmal angesetzt. So wuchsen die Modelle gemeinsam mit den Entwürfen. Es ging nicht darum, ein möglichst perfektes Modell herzustellen. Wichtig war, was ausprobiert und weiterentwickelt wurde. 

Das Unfertige als Ergebnis

Wann ist Murxen also produktiv? Wenn der Eingriff bewusst gesetzt ist, etwas untersucht und dabei Raum und Konstruktion verändert. Die Konstruktion muss dabei nicht konventionell aussehen, sie muss nur funktionieren. Endergebnisse gibt es im Studio deshalb nicht, nur Zwischenstände. Das zeigte sich auch in den Endpräsentationen: Die Studierenden zeigten ihren gesamten Weg vom ersten Fundstück bis zum Entwurf. Denn ein Umbau ist nie fertig – kaum ist etwas verändert, kann schon wieder daran weitergebaut werden. 

Eine ähnliche Methode verfolgt „Holes in a House“ von Mio Tsuneyama und Fuminori Nousaku in Tokio. Das Haus war zu Beginn entkernt, und die Architekten bauen es Schritt für Schritt aus, während sie darin leben.

Ums Wohnen geht es auch im kommenden Semester. Die Studierenden sollen die vertraute Ordnung des Einfamilienhauses auseinandernehmen und so durch Umbau die Typologie selbst infrage stellen – für Prof. Zitzelsberger auch ein politischer Akt.