Der kleinstmögliche Eingriff: Entwurfsgruppe (B) hinterfragt die Erweiterung des Brücke-Museums
Lea Schanz, Janne Gandlau und Anton Krude wollten die Erweiterung des Brücke-Museums entwerfen. Je intensiver sie sich mit dem Ort beschäftigen, desto weniger können sie die Vorgaben vertreten. Am Ende schicken sie der Jury kein Projekt, sondern eine Kritik.
Das Brücke-Museum soll erweitert werden. Rund 450 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche sowie etwa 1.000 Quadratmeter für Büros, Depot und Vermittlung sind gefordert – eine Verdopplung der aktuellen Fläche. Als Lea Schanz, Janne Gandlau und Anton Krude die Ausschreibung sehen, werden sie neugierig. Den Ort kennen sie aus dem Studium und schätzen ihn sehr. Also starten sie zu entwerfen. Doch je tiefer sie in die Wettbewerbsaufgabe eintauchen, desto weniger können sie die Vorgaben vertreten. Die Parameter sind starr und lassen kaum Raum, Alternativen vorzuschlagen oder einzureichen. Ein experimentellerer Entwurf ist nicht erwünscht. Also entscheidet sich die Gruppe gegen einen Wettbewerbsentwurf. Stattdessen machen sie den Ort selbst zum Thema und untersuchen, wie er durch verschiedene Zeiten, politische Kontexte und Nutzungen geprägt wurde – und was davon erhalten bleiben sollte.
Wer steckt dahinter?
Lea, Janne und Anton kennen sich aus dem Studium an der UdK Berlin. Aus gemeinsamen Projekten entsteht eine kontinuierliche Zusammenarbeit – und schließlich die Entwurfsgruppe (B). „Entwurf“ verstehen sie weiter als den klassischen Gebäudeentwurf. Zeichnung, Text, Grafik, Ausstellung und Publikation gehören für sie ebenso zur architektonischen Arbeit wie Raum und Gebäude. Am Anfang ihrer Arbeit steht immer der Ort: Welche Geschichte hat er? Was prägt ihn bis heute? Erst daraus entwickeln sie eine räumliche Antwort.
Ein aufgeladener Ort
Das Grundstück des Brücke-Museums ist dicht bewaldet und trägt viele historische Schichten. Dem Museum, das Werner Düttmann 1967 bewusst zurückhaltend in die Landschaft setzte, steht das ehemalige Staatsatelier des Bildhauers Arno Breker gegenüber. Dazwischen öffnet sich ein Raum, eingebettet in Wald, Garten und Pücklerteich, der eine besondere Weite schafft.
Das Dreierteam stellt nicht grundsätzlich infrage, dass man hier neu bauen kann. Es fragt vielmehr, ob ein Neubau in der vorgesehenen Größe die einzige Antwort sein kann. Denn ein Entwurf, der alle Anforderungen des Wettbewerbs erfüllt, läuft für sie Gefahr, die besondere Qualität des Ortes unwiderruflich zu verletzen. Ihre Frage ist deshalb: Was ist der kleinstmögliche Eingriff?
Dabei bestreiten sie nicht den tatsächlichen Bedarf des Museums. Die Sammlung wächst, Lagerfläche wird gebraucht. Müssen aber alle Nutzungen auf diesem Grundstück Platz finden? Die Gruppe schlägt vor, über die Grundstücksgrenze hinauszuschauen: etwa auf andere Standorte für das Depot, nahegelegene Bestandsgebäude für Büros oder eine stärkere Zusammenarbeit mit anderen Berliner Museen. Statt das Museum automatisch baulich zu vergrößern, geht es ihnen um eine Neuorganisation, die die Qualitäten des bestehenden Ortes bewahrt.
Ein Fallblatt statt Grundrisse
Statt Pläne einzureichen, entwickelt Entwurfsgruppe (B) ein Fallblatt: eine architektonische Kritik, die Recherche, Geschichte und Argumente zum Ort zusammenführt. Sie schicken es an alle 22 Jurymitglieder sowie an Fachleute aus Architektur und Denkmalpflege. Ihr Beitrag bleibt damit außerhalb der eigentlichen Entwurfsentscheidung. Den Wettbewerb gewinnt letztlich das Architekturbüro Barkow Leibinger mit einem Entwurf, der Düttmanns räumliche Prinzipien aufgreift und weiterführt.
Direkt aus dem Studium in die Praxis
Die Haltung, mit der sie an das Brücke-Museum herangehen, zeigt sich auch in ihrem ersten gemeinsamen Projekt in der Praxis. Direkt nach dem Bachelor erarbeiten die drei gemeinsam mit einem befreundeten Bauunternehmen das Umnutzungskonzept für ein ehemaliges Kino in Ravensburg. Das Grundstück an der Gartenstraße besteht aus einer Villa, einem Nachkriegsbau und einer größeren Halle mit Kinosaal. Auch dort setzen sie sich mit den Zeitschichten des Ortes auseinander. Daraus entstehen ein Buch und ein rund zehn Meter langes Leporello, das die Schichten nebeneinander sichtbar macht.
Einen Wettbewerb gibt es nicht. Also gehen die drei selbst mit ihrem Vorschlag und dem Leporello auf die Stadt zu und überzeugen. Es wird ihr erster Auftrag als Gruppe. Während sie im Master weiterstudieren, stemmen sie möglichst viel selbst und arbeiten gleichzeitig mit erfahrenen Planer*innen zusammen.
Architektur beginnt mit Aufmerksamkeit
Für Entwurfsgruppe (B) ist Architektur nicht nur eine Raumbeschaffungsmaßnahme, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Bestand – und damit etwas, das über Zeichnungen, Texte und Publikationen öffentlich werden kann. Dafür braucht es aus ihrer Sicht eine „fürsorgliche Aufmerksamkeit“: den genauen Blick auf das, was bereits da ist, auf die Geschichte eines Ortes und auf seine heutigen Bedürfnisse. Erst dann stellt sich die Frage, was daraus werden kann.