Zwischenräume neu gedacht: Das Entwurfsstudio „Mut zur Lücke“

Zwischen Brandwänden und Bahntrassen liegen in Wien Flächen, die niemand beachtet. Studierende der TU Wien haben dort mit wiederverwendeten Bauteilen Entwürfe entwickelt, die die Lücke nicht schließen, sondern weiterschreiben.

Im Studio „Mut zur Lücke – Möglichkeitsräume im Dazwischen“ nahmen sich Studierende vernachlässigte Orte zwischen Gebäuden und Infrastrukturen vor. Mit Bauteilen aus Wiener Hallen, die abgerissen werden sollen, entwarfen sie dort neue Räume für die Stadt. Entstanden sind acht Konzepte, die den urbanen Zwischenraum weiterdenken.

Kreislauf statt Abriss 

Welchen Einfluss haben begrenzte Ressourcen auf die Architektur – und was bedeutet das für den Umgang mit dem Bestand? Diesen Fragen widmet sich der Forschungsbereich Hochbau und Entwerfen der TU Wien. Ein Schwerpunkt liegt auf der Weiterverwendung von Materialien aus Wiener Hallen, die in einem Bauteilkatalog erfasst sind. In diesem Rahmen untersucht die Architektin Ines Nizic, Leiterin der Plattform Hybride, die Möglichkeiten einer zirkulären Baukultur. Im Sommersemester 2026 übertrug sie diese Fragen mit dem Studio „Mut zur Lücke“ auf die urbanen Zwischenräume Wiens.

Schwierige Orte, gebrauchte Bauteile 

Im Fokus der Entwurfsaufgabe standen unscheinbare Restflächen im dichten Stadtgefüge. Ihre Grundstücksgeometrien und die oft heterogene Nachbarbebauung lassen selten Standardlösungen zu. Dafür sollten die Studierenden die Eigenheiten des Ortes aufgreifen, statt sie zu überschreiben. Als Material dienten Stützen, Fachwerke, Unterzüge, Fenster sowie Stahl- und Betonfertigteile aus den Hallen, ergänzt durch weitere vorgefundene Materialien aus der Stadt. Re-Use verstand das Studio dabei nicht nur als Ressourcenschonung, sondern auch als Praxis des Neuordnens und Umdeutens. 

Acht Entwürfe für das Dazwischen

In einer schmalen Baulücke in der Randhartingergasse plant Milos Jovic mit „NACHBAR_SCHAFFT“ einen sozialen Treffpunkt für das Quartier. Herzstück ist eine Re-Use-Werkstatt im Erdgeschoss, die sich zum Innenhof öffnet. Moritz Kreft setzt in „On Endoprostheses and Domestic Potentialities“ ein Gelenk in die Fuge zwischen einer Wohnanlage aus den 1950er-Jahren und gründerzeitlichen Nachbarbauten. Wie eine Prothese wirken die Gästezimmer, die im Konzept allen Bewohner*innen zur Verfügung stehen. Am Wienfluss verankert Emma Mucha in „Void to Rise“ drei schmale Türme aus leichten Stahlkonstruktionen an die Brandwände. Sie bieten Wohnformen von temporären Mikro-Apartments bis zum langfristigen Wohnen. In „resonanzlücke“ verfolgt Aleksandar Lazic die Lärmschutzwand am Margaretengürtel als Gerüst für Wintergärten, Balkone und Gemeinschaftsflächen. 

Für Oskar Kerschl ist Architektur vor allem ein Prozess. Sein Projekt „NACHHALTIG KUNST!“ verbindet Bestand, Ergänzung und neue Nutzung zu einem Gefüge, das offen für Veränderungen bleibt. Peter Wares entwickelt in „Mehr als Grau“ einen räumlichen Filter aus wiederverwendeten Bauteilen. Mit Räumen für Bewegung, Austausch und Rückzug vernetzt er die Bewohnerschaft eines Wohnblocks. In der Kaiserstraße gliedert Annabelle Steiger ihren Entwurf „Eingefu(e)gt“ in drei Schichten, von Werkstätten und Ateliers am Platz bis zu Wohnungen am ruhigen Hof. Besonders zurückhaltend geht schließlich Markus Hilgarth mit „Das schmalste Haus Wiens“ vor. Seine Baulücke an der Linzer Straße liegt direkt neben dem gleichnamigen Gebäude. Statt den Zwischenraum mit neuer Architektur zu füllen, aktiviert er das leerstehende Nachbarhaus. 

Weiterschreiben statt schließen 

So unterschiedlich die Entwürfe auf den ersten Blick auch erscheinen, sie haben einiges gemeinsam: Sie sehen die Lücke nicht als Mangel, sondern als Chance. Der Zwischenraum wird nicht einfach gefüllt, sondern weitergeschrieben. So entstehen Ansätze, die sich um- und zurückbauen lassen und neue Formen des Zusammenlebens in der österreichischen Hauptstadt ermöglichen.