Der Knoten als Entwurf: Unverleimte Holzkonstruktionen in Thüringen
Drei Hallen, ein Prinzip: Studierende entwarfen für den Thüringer Wald reversible Holzstrukturen – vom architektonischen Raum bis zum Konstruktionsknoten.
Mit Holz bauen, aber energie- und materialsparend: Unverleimte Holzkonstruktionen lassen sich leicht fügen, zerlegen und wiederverwenden. Mit dieser konstruktiven Vorgabe forderte Prof. Christina Köchling die Studierenden auf, für drei Standorte im Thüringer Wald Einrichtungen zu entwerfen, die räumlich und strukturell überzeugen. Auf das Semesterprojekt an der Bauhaus-Universität Weimar folgte ein Workshop an der Università IUAV di Venezia, der die konstruktiven Prinzipien weiterentwickelte.
Wald im Wandel
In Thüringen, dem „grünen Herzen Deutschlands“, sterben die Wälder rasant. Hitze und Dürre setzten in den letzten Jahren der künstlich angelegten Nadelholz-Monokultur zu. Die Folge: Borkenkäferbefall. Um die Schäden einzudämmen, roden Forstbetriebe große Flächen und stellen künftig auf klimaresistente Mischwälder um.
In diesem Kontext suchte das Studio „Unglued Timber Constructions“ nach unmittelbaren Verwertungsmöglichkeiten für das Rohmaterial Holz. Drei Grundstücke im Schwarzbachtal im Süden Thüringens boten die notwendige Nähe zur Holzindustrie. Für jeden Standort gab es eine eigene Entwurfsaufgabe: eine Forstsamendarre, eine Produktionshalle und eine Schwimmhalle. Die drei Bauten stehen symbolisch für den Lebenszyklus des Holzes: von der Anpflanzung über die Verarbeitung bis zur Verwendung.
Vom Baum zum Raum: drei Standorte, eine Typologie
Allen drei Entwurfsthemen lag die Typologie der Halle zugrunde. Ihre Merkmale – große Spannweite, eingeschossige Bauweise und geringe Brandschutzanforderungen – machten Hallenbauten zum idealen Studiothema. Programmatische Belegung und bauliche Anforderungen variierten jedoch je nach Standort.
Für die rund 1.000 Quadratmeter große Samendarre im Schwarzatal sollten die Entwerfenden die Abfolge der forstwirtschaftlichen Prozesse räumlich abbilden. Die Einrichtung dient dem Sammeln, Trocknen, Aufbereiten und Lagern hochwertigen Saatguts. Der Technikbereich sollte stützenfrei, die Trockenkammer fensterlos sein. Die Herausforderung bestand eben darin, die konstruktiven Anforderungen eines jeden Raums mit einem statischen Konzept in Holz zu lösen.
Unweit davon liegt das Sägewerk Schwarzmühle, das die Studierenden um eine Produktionshalle von etwa 2.000 Quadratmetern erweitern sollten. Der Ausbau erforderte unter anderem eine Kranbahn mit mindestens 20 Metern Breite und Fahrspuren für Lkw. Solche logistischen Vorgaben wirkten sich unmittelbar auf die Statik der Holzkonstruktion aus.
Die dritte Aufgabe wandte sich von industriellen Prozessen ab und Freizeitaktivitäten zu. Hier sollte der Holzbau öffentlich erlebbar sein. Für den Ausbau eines Schwimmbads kam ebenfalls die Hallentypologie zum Einsatz. Diesmal aber für ein komplexeres Raumprogramm mit mehreren Becken, Saunen, Garderobe, Restaurant sowie Technik- und Personalräumen – ein Puzzle kleinteiliger Räume in einer weit gespannten Struktur.
Vom Raum zum Mockup: Die Methode hält
Wie bewältigt man eine derart umfangreiche Aufgabe in einem Semester? Prof. Köchling strukturierte das Studio in zehn Schritten. Zunächst näherten sich die Teilnehmenden den Prinzipien unverleimter Konstruktionen über Referenzprojekte. Sie untersuchten bekannte architektonische Werke ebenso wie Kunstwerke, die überraschende Antworten auf statische Fragen geben. Daraufhin berechneten sie einen exemplarischen Knoten, bauten ihn im Maßstab 1:5 nach und dokumentierten die Montage Schritt für Schritt.
Die architektonische Aufgabe spannte den Bogen von der Standortanalyse bis zum Detail – vom Maßstab 1:500 bis 1:20. Für jeden Maßstab ein Modell. Letztlich entwarfen die Studierenden einen eigenen Konstruktionsknoten, setzten ihn baulich um und hielten die Montage filmisch fest. So entstanden Entwürfe, in denen programmatische Vorgaben, räumliche Qualität und konstruktive Logik ineinandergriffen.
Den Fokus auf den Knotenaufbau setzte Prof. Köchling im Workshop „Trouble in Paradise II – Unglued Timber Constructions in Thuringia“ in Venedig fort. Auch dort ging es um das Erbe Thüringens. Die Studierenden beschäftigten sich mit brachliegenden Bauten und arbeiteten Ausschnittsmodelle einzelner Details zwischen Alt und Neu im Maßstab 1:10 aus.
Eine neue Ästhetik reversibler Holzkonstruktionen
Von kleinen Verbindungselementen, die sich leicht einbauen lassen, bis zu ganzen Baumstämmen, die das statische Potenzial ihres Querschnitts ausschöpfen – das Lehrformat zeigte die Einsatzmöglichkeiten reversibler Holzkonstruktionen und die enge Verschränkung von Konstruktion und Raumstruktur. Wo Köchling im Studio „Ästhetik der Technik“ nach räumlichen Qualitäten sichtbarer Haustechnik suchte, rückt hier die Fügung in den Fokus. „Unglued Timber Constructions“ reagiert planerisch auf eine forstwirtschaftliche Ressourcenkrise und spielt zugleich mit einer neuen Ästhetik, in der der Knoten selbst zum Protagonisten wird.