Die Stadt braucht Buden: Das Entwurfsstudio KIOSK in Budapest
Bagel Bar mit Disco, Minikino oder brutalistischem French-Toast-Kiosk: Studierende holen den Kiosk zurück nach Budapest.
Eine Currywurstbude um Mitternacht. Zwei Fremde warten auf ihre Wurst. Der eine findet die Soße zu scharf, der andere nicht scharf genug, und für ein paar Minuten haben sie sich etwas zu sagen. Dann gehen beide ihrer Wege. Gebaut ist dieser Moment aus wenig: einem Tresen und einem Dach gegen den Regen. Mehr braucht ein Kiosk nicht. Fehlt dieser Ort, merkt man es. In Budapest standen bis zum Systemwechsel 1989 an vielen Straßen kleine Verkaufspavillons, für Zeitungen und Tabak, für Eis oder Milch. Heute sind die meisten verschwunden, und viele der übrigen verfallen.
An diese Leerstelle knüpfte das Entwurfsstudio KIOSK der Budapest University of Technology and Economics (BME) an. Im Sommersemester 2026 entwarfen Studierende unter der Leitung von Prof. András Weiszkopf eigene Kioske für Budapest. Das maximale Volumen betrug 50 Kubikmeter, Übergangsräume eingeschlossen. Auf dieser kleinen Fläche mussten sie Nutzung, Grundriss, Konstruktion und den Bezug zur Straße zusammendenken. Dabei entstanden Kioske, die den Typus auf ihre eigene Weise weiterdachten – mal pragmatisch, mal mit einem Augenzwinkern.
Ein verschwundener Typus
Nach 1990 veränderte sich das Straßenbild. Neue Gebäude besetzten freie Grundstücke, viele kleine Verkaufsstände verloren ihre Betreiber. Was blieb, waren vereinzelt schlichte Pavillons aus der sozialistischen Zeit. Die Studierenden arbeiteten damit an einem Typus, der in Budapest kaum noch selbstverständlich zum Stadtbild gehört. Sie besuchten verbliebene Kioske und beobachteten deren Nutzung. Der Kurs behandelte sie dabei nicht als Erinnerungsstücke. Entscheidend war, welche Rolle ein solcher Bau heute übernehmen kann.
Ein ganzes Gebäude auf 50 Kubikmetern
Auf 50 Kubikmetern bleibt wenig Spielraum. Ein Verkaufsraum braucht Platz für die Arbeit hinter dem Tresen, einen Zugang und Schutz vor Witterung. Gleichzeitig soll der Kiosk zur Straße hin offen bleiben. Besonders deutlich wird das an der Schwelle zwischen Innen und Außen: Dort, wo verkauft, gewartet oder kurz verweilt wird, entscheidet sich ein großer Teil der räumlichen Qualität.
Prof. Weiszkopf ließ die Studierenden immer wieder zwischen den Maßstäben wechseln. Sie untersuchten die Position des Gebäudes im Stadtraum und arbeiteten anschließend an Details seiner Konstruktion. Modelle aus unterschiedlichen Materialien begleiteten diesen Prozess. Sie halfen, Proportionen zu überprüfen und die Fügung einzelner Bauteile zu entwickeln. In den Abschlusskritiken ging es unter anderem darum, ob Struktur und Nutzung zusammenpassten und ob der Entwurf einen eigenen architektonischen Charakter entwickelte. Zum Abschluss stellte jeder den eigenen Kiosk mit Zeichnungen und einer isometrischen Illustration vor, die wie ein Werbeplakat für den Kiosk funktionieren sollte.
Von der Bagel Bar bis zum Minikino
Beim Programm hatten die Studierenden freie Hand: Ein Blumenladen war ebenso möglich wie eine Fahrradwerkstatt oder ein Würstchenstand. Im Universitätsgarten der BME entstand ein Tea Pavilion, der an die Tradition des Gartenpavillons anknüpfte. An der Bartók Béla Street sollte ein Record Shop Schallplatten verkaufen. Am Kiscsibész Square wurde es kulinarisch und später auch laut: Eine Bagel Bar verwandelte sich abends in eine Disco. Ein anderer Kiosk nahm sich French Toast vor – und verpackte das weiche Frühstück in eine brutalistische Formensprache. Andere Entwürfe brachten ein Minikino oder eine Bäckerei auf 50 Kubikmetern unter.
Wo der Kiosk überlebt hat
Einige Wochen nach der Abschlusskritik fuhr die Gruppe für zwei Tage nach Wien, um ihre Entwürfe an echten Kiosken zu messen. Auf dem Programm standen unter anderem ein Hot-Dog-Stand am Opernring und der Würstelstand am Hohen Markt. In Wien hat der Typus nicht nur überlebt, er ist Kulturerbe: Seit 2024 zählt die Würstelstandkultur zum Immateriellen Kulturerbe Österreichs. Warum, versteht man, sobald man dort steht. Der Kiosk ist wohl einer der kleinsten öffentlichen Bauten, die sich eine Stadt leistet, und vielleicht auch der geselligste.