„Müll ist ein Designfehler“: second bau für ein zirkuläres Ökosystem
Von der Demontage bis zur Wiederverwendung: second bau in Düsseldorf schafft Strukturen für zirkuläres Bauen und greift dabei an den Stellen ein, an denen der Bauprozess noch nicht reibungslos verläuft.
„Die Zukunft ist gebraucht. Wir lagern sie“ – so stellt sich second bau auf ihrer Website vor. Ein neues Bauteillager bei Düsseldorf? Nicht nur. Das Kompetenzzentrum für zirkuläres Handwerk und Bauwirtschaft versteht sich als offenes Netzwerk zwischen Architektur, Handwerk, Wirtschaft und Bildung. Finanziert vom Land NRW und aus europäischen Fördermitteln, verfolgt es das Ziel, zirkuläre Bauprozesse ganzheitlich zu unterstützen. Dahinter steht ein Forschungskonsortium der Landeshauptstadt Düsseldorf und der Hochschule Düsseldorf (HSD) – konkret des Instituts für lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung (In_LUST).
Das Programm verbindet Lehre und Forschung mit Öffentlichkeitsarbeit und physischer Materiallogistik. Die Beteiligten erproben es an realen Fallstudien, etwa am selektiven Rückbau eines Kindergartens.
Bauteillager? Plattform? Bildungsstätte?
Die Ressourcen sind meist vorhanden, es fehlen die Strukturen. Wer ein Bauteil weiterverwenden will, trifft auf Hürden: Es wird zu spät erfasst, Qualitätsnachweise fehlen, Zwischenlager und Gewährleistung sind ungeklärt. Darauf reagiert das Projekt auf mehreren Ebenen.
Als räumliches Standbein entstand das 250 Quadratmeter große Materiallager am Bauwendehof in Düsseldorf-Flingern. Hier prüft, sortiert und dokumentiert das Team Materialien aus Rückbauprojekten digital, bereitet sie handwerklich auf und stellt sie für neue Nutzungen bereit. Da Lagerlogistik, Materialbewertung und Vermittlung einen essentiellen Teil des zirkulären Bauprozesses darstellen, nutzt second bau diese Infrastruktur zugleich als Reallabor – zum Testen, Lernen und Optimieren anhand von Case Studies.
Digitale Werkzeuge sollen Wiederverwendungspotenziale frühzeitig identifizieren. Über digitalisierte Bestandsaufnahmen und Materialdatensätze entsteht eine Schnittstelle zwischen physischem Material und planerischer Praxis.
Bildungsangebote schaffen den Wissenstransfer und die Rückkopplung in die Forschung. Ein erstes Format mit realem Auftrag war die circular summer school.
Ein Kita-Rückbau als Sommerschule
Im Spätsommer 2026 wurde es konkret: Der ehemalige Kindergarten auf dem Campus Golzheim, dem früheren Standort der HSD, stand vor dem Abriss. Das Gebäude entstand vor 30 Jahren aus einem studentischen Entwurf, damals schon mit naturbasierten Materialien geplant, auf eine sortenreine Trennung ausgelegt und von den Studierenden teils selbst umgesetzt. Es bot die ideale Fallstudie, um selektiven Rückbau als Lehr- und Forschungsformat zu erproben.
Fünf Tage lang arbeiteten Student*innen der Architektur und Innenarchitektur der HSD in der circular summer school daran, die Bauteile zu dokumentieren, abzubauen und zu bewerten. Sie demontierten Hülle, Innenausbau und Technik und erfassten Zeitaufwand, Werkzeuge und Schäden. Trotz der ursprünglichen Planung war die Demontage nicht immer einfach: Verdeckte Verbindungen und versenkte Schrauben erschwerten den beschädigungsfreien Abbau – ein wichtiger Hinweis für künftige Projekte. Dieses Anwendungsbeispiel lieferte empirische Erkenntnisse für die Forschung und bestätigte den Bedarf nach gestalterischen und handwerklichen Aufgaben am realen Gebäude.
Stark im Netzwerk
Das Netzwerk funktioniert als Drehscheibe in einer ohnehin komplexen Branche mit vielen Beteiligten, die sich aufeinander abstimmen müssen. Mit assoziierten Partnern wie Verbänden (BDA, BDIA, BDB), NGOs (Architects for Future, Cradle to Cradle NGO), Planungsbüros (LXSY und Zirkular) und der Verwaltung sind viele Gleichgesinnte an Bord. Dieser Zusammenschluss zeigt: Am Wandel in der Baubranche führt kein Weg mehr vorbei. Überzeugend wäre es, das Netzwerk um Akteur*innen aus der Bauindustrie zu erweitern, die den Wandel vorantreiben. Denn nur wenn alle Glieder der Prozesskette mitziehen, entsteht das notwendige Ökosystem für einen tragfähigen zirkulären Bauprozess – und Material wird nie mehr zu Müll.