Temporär und subversiv: Die illegale Raumpraxis der Berliner Rave Kultur

Statt ein Gebäude zu entwerfen, kartierten drei Absolvent*innen in ihrer Bachelorarbeit auf einer selbstgebauten Wand Gespräche, Orte und Praktiken und fragten, was die Architektur vom temporären Aneignen des Bestands lernen kann.

In unserer Bachelorarbeit über die illegale Raumpraxis der Berliner Rave-Kultur (BRK) haben wir, Julia Sohl, Gregor Bläsi und Charlotte Emmler, 2024 an der TU Berlin untersucht, wie subkulturelle Aneignung architektonische Strategien hervorbringt. Wir verstehen die BRK als Modell einer räumlichen Praxis, die vorhandene Strukturen umdeutet, temporär aktiviert und damit den Begriff des architektonischen Entwerfens grundlegend verschiebt. Im Zentrum der Arbeit steht deshalb nicht das Entwerfen eines Objekts, sondern das Erfassen einer Haltung und deren Rückkopplung auf die architektonische Praxis.

Ursprung

Die meist theoretische Beschäftigung mit Raum im Architekturstudium und unser eigenes Erleben der sich wandelnden Stadt Berlin weckten unser Interesse an Diversität in der Raumproduktion. Welche eigenartigen, aber allgegenwärtigen Raumpraktiken verbergen sich im direkten Umfeld? Originelle Nutzungen und ein praktischer Zugang zum Raum der lauten, meist verborgenen illegalen Rave-Kultur inspirierten uns. 

Format

Für unsere Arbeit wählten wir eine freistehende, selbstgebaute Wand von 3,8 mal 1,9 Metern. Sie dient als analoges Arbeitsmedium und Präsentationsfläche und ermöglicht, den großen Informationsfluss der Recherche und Zusammenhänge schnell zu erfassen. Auf ihr verbinden sich verschiedene Darstellungsformen: Fotografien, Karten, Texte, Modelle und Diagramme verschränken sich zu einer lesbaren räumlichen Komposition.

Zunächst führten wir Gespräche mit Initiierenden und Unterstützenden der BRK. Aus diesen Auskünften sammelten wir Raves und zugehörige Informationen und verorteten sie maßstabslos auf der Forschungsseite. Die fragmentarische Zusammenstellung ergab ein collagiertes Abbild Berlins.

Die Auswertung der Forschungsergebnisse erlaubte uns, Vorgänge, Strategien und Umstände der illegalen Raumpraxis der BRK in einem Ablaufdiagramm auf der Analyseseite zu visualisieren. Indem wir Informationen als Kernbegriffe sortierten, ablegten und verflochten, setzten wir sie in räumliche Beziehungen und verknüpften sie funktional und symbolisch.

Radikale Impulse

Die Tiefe der Forschung ermöglichte es uns, fünf Impulse herauszuarbeiten, die den architektonischen Umgang mit Bestand erweitern.

  • Erstens: Transformation beschreibt die Fähigkeit, vorhandene Räume mit minimalen Mitteln in neue Kontexte zu überführen. Die BRK zeigt, dass räumliche Qualität nicht aus Neubau, sondern aus Neuinterpretation entsteht.
  • Zweitens: Perspektivische Revisionierung benennt das bewusste Umkehren planerischer Abläufe. Der Raum entsteht aus Handlung, nicht aus Entwurf. So wird das Finden wichtiger als das Erfinden.
  • Drittens: Reproduktion erkennt Nutzung als Form der Erhaltung. Kurzzeitige Aktivierung ersetzt den Stillstand und schafft Kontinuität durch Bewegung.
  • Viertens: Plurale Wissensproduktion verweist auf die kollektive Intelligenz der Szene, in der Wissen geteilt, ausprobiert und transformiert wird.
  • Fünftens: Subversivität als Strategie schließlich zeigt, dass Regelbruch zu einem notwendigen Werkzeug werden kann, wenn institutionelle Prozesse blockieren. Die Umgehung von Hindernissen missachtet hier den Verstoß und definiert sich als eine Form der Selbstermächtigung.

Unsere Thesis ist keine klassische Entwurfsarbeit. Sie zeigt, dass Forschung ein architektonisch schöpferischer Prozess sein kann, der aus der räumlichen Verknüpfung von Begriffen, Bildern und Informationen entsteht – ähnlich einem Gebäudegrundriss: ohne festgelegte Leserichtung, in unterschiedlichen Maßstäben aufschlussreich und offen für neue An- und Verbindungen. So wird die Arbeit selbst zu einem Raum, in dem Denken, Handeln und Gestalten zusammenfallen.