Reparatur auf eigene Faust: Guerilla-Sanierung im Mathegebäude
Ohne Auftrag und mit wenig Geld haben vier Architekturstudierende einen Seminarraum im Mathegebäude der TU Berlin wieder instand gesetzt.
Es ist Samstagnachmittag, als Raoul Ahluwalia, Annemarie Klein, Luisa Schumann und Andrea Senn das Mathegebäude betreten. Durch den Hintereingang, damit die Pforte sie nicht sieht. Im Gepäck: Werkzeug und Spachtelmasse. Die vier studieren im Master Architektur an der TU Berlin und wollen zeigen, dass kleine, gezielte Eingriffe etwas bewirken, solange für die große Sanierung das Geld fehlt. Ihr Versuchsobjekt: Raum 545.
Ein Lowtech-Pionier im Verfall
Das Mathegebäude von Georg Kohlmaier und Barna von Sartory wurde 1982 fertiggestellt und galt als Vorreiter der Lowtech-Architektur: ein Haus, das sein Klima weitgehend selbst reguliert – wenn man es richtig bedient. Davon ist wenig übrig. Jalousien hängen kaputt herunter, der Teppich löst sich in Fetzen, zwischen den Scheiben der Doppelverglasung wachsen Algen. Der Westflügel ist seit 2023 gesperrt, die Kantine seit 2020 geschlossen. Ende 2027 zieht die Mathematik in einen Neubau. Danach könnte das Gebäude als Ausweichquartier dienen, für Institute, deren eigene Häuser saniert werden müssen.
Raum 545 als Experiment
Die 32 Seminarräume sind rund um die Uhr zugänglich, und man sieht es ihnen an: zerrissene Vorhänge, wackelige Tische, in den Wandregalen liegen abgebrochene Tischbeine. Um die Räume vergleichen zu können, prüfte die Gruppe zuvor jeden einzeln, Steckdose für Steckdose. Raum 545 schnitt ab wie die meisten anderen, bot aber gute Voraussetzungen für die Umsetzung.
Die Reparatur
Bei über 30 Grad putzte die Gruppe zuerst. Dann brachte sie die alten Blendschutzvorhänge zurück an die Schiene, frisch gewaschen im Waschsalon. Wo die Jalousie nicht mehr funktionierte, montierte sie einen reflektierenden Vorhang. Auch die Tischbeine ersetzte sie und schloss die Löcher im Boden. Ein Haken hält das Fenster für die Nachtauskühlung offen, ein Riegel die Tür. So funktioniert auch die Querlüftung wieder, die sich die Architekten ursprünglich gedacht hatten.
Reaktionen auf die Aktion
Schon während der Arbeiten kommt ein Kommentar aus dem Nebenraum: „Versprecht euch davon keine Dankbarkeit.“ In den Wochen danach verschwindet Putzmittel, die Steckerleiste wird abgerissen, ein frisch gewaschener Vorhang geklaut, reparierte Möbel gegen andere getauscht. Andere Nutzende machen erst einmal ein Foto. „Zuerst dachte ich, ich bin im falschen Raum.“ Dann trägt plötzlich jedes Objekt im Raum einen schwarzen Edding-Strich. Die Spur führt ins Architekturgebäude, wer dahintersteckt, ist unklar.
Erschreckend ist das, aber kaum überraschend. Weder Nutzende noch Verwaltung fühlen sich für die Räume verantwortlich. Die Gruppe nennt das ein Paradebeispiel für die Broken-Windows-Theorie: Wo ohnehin alles kaputt ist, fällt der nächste Schaden nicht mehr auf. Ein frisch reparierter Raum bricht mit diesem Muster und zieht Aufmerksamkeit auf sich, auch die falsche. Für die vier ist das auch ein Zeichen: Raum 545 ist aufgefallen.
Engagement ohne Antwort
Dass Studierende angesichts der vielen Schließungen an der TU selbst Hand anlegen, macht Mut. Es ist allerdings nicht die erste studentische Initiative für das Mathegebäude, über die wir berichten. An der Haltung der Hochschulleitung hat das bislang wenig geändert. Dabei spricht gerade die geplante Nachnutzung dafür, jetzt zu handeln: Wenn hier bald andere Institute unterkommen sollen, muss das Haus erst recht funktionieren. Die übrigen 31 Seminarräume sind nahezu baugleich, beim nächsten Mal wäre der Aufwand ein Bruchteil. Die TU müsste es nur wollen.