Leerstand bewohnen: „Campus as Commons“ testet neue Wohnmodelle

Ein selbstorganisiertes Studienprojekt testet die Umnutzung des Mathematikgebäudes der TU Berlin für bezahlbaren Wohnraum – und baut ein räumliches Mockup.

Die Wohnungskrise trifft Berlins Studierende mit voller Wucht. Steigende Mieten, knapper Wohnraum und wachsende Konkurrenz verschärfen die Lage – während öffentliche Gebäude leer stehen. Im Oktober 2025 reagierte die TU Berlin mit einem Wohnstipendium, das sie gemeinsam mit Airbnb ins Leben rief: 200 internationale Studierende erhielten Gutscheine im Wert von 1.580 Euro. Dieses Angebot sollte kurzfristig entlasten und den Studienstart erleichtern, bleibt aber sehr fragwürdig. Statt das systemische Problem zu lösen, profitieren weiterhin nur Einzelne. 

Pop-up-Wohnen im Bestand

Einen anderen Ansatz verfolgt das selbstorganisierte Masterprojekt „Campus as Commons“ an der Technischen Universität Berlin, initiiert und geleitet von den Studierenden Püren Bahçivan, Jonathan Hoff und Jesco Lippke. Das Projekt untersucht, wie sich leerstehende Flächen im ungenutzten Mathematikgebäude in temporären Wohnraum für Studierende verwandeln lassen. Dafür entwickeln die Teilnehmenden Konzepte für reversible Einbauten, flexible Grundrisse und gemeinschaftliche Organisationsformen. Eines der Ziele: das Konzept in einer Ausstellung als begehbares Pop-up-Wohnen im Maßstab 1:1 umsetzen. Das Mock-up soll als Beweis dienen, dass bezahlbarer, gemeinschaftlich organisierter Wohnraum im Bestand möglich ist – eine nachhaltige Alternative zur Gutscheinlösung.

Die Wohnungskrise verstehen

„Campus as Commons“ baut auf der mehrsemestrigen Projektwerkstatt „Perspektiven der Wohnungskrise“ auf, die von 2023 bis 2025 an der TU Berlin stattfand. Zuerst analysierten die Studierenden im Wintersemester 2023/24 die strukturellen Ursachen der Berliner Wohnraumkrise. Sie diskutierten Eigentumsmodelle, Gemeingütertheorien und politische Steuerungsinstrumente. Fachliche Impulse kamen von unter anderem Andrej Holm (Humboldt-Universität zu Berlin) und Alexander Sacharow (Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen). Im Sommersemester 2024 verlagerte sich der Schwerpunkt in den Stadtraum. Die Teilnehmenden untersuchten den Soldiner Kiez im Berliner Wedding. Mit Umfragen, Gesprächen und Kartierungen analysierten sie Mietentwicklungen und Verdrängungsdynamiken. So verknüpften sie die theoretischen Modelle aus dem Wintersemester mit den sozialen und räumlichen Bedingungen vor Ort. Im darauffolgenden Semester rückte die ökologische Dimension der Wohnungsfrage in den Fokus: Vorträge von Nadine Gerner und Anke Hagemann erweiterten die Diskussionen.

Von Berlin nach Mailand

Im Verlauf der Projektwerkstatt wurde deutlich, wie stark Studierende international von der angespannten Wohnraumsituation betroffen sind. Daher widmete sich im Sommersemester 2025 das Erasmus+-geförderte Blended Intensive Programme (BIP) „Perspectives on the European Student Accommodation Crisis“ der europäischen Dimension studentischen Wohnens. Studierende der TU Berlin arbeiteten gemeinsam mit Kommiliton*innen der Politecnico di Milano und der Gdańsk University of Technology an einer Fallstudie in Mailand. Vor Ort analysierten sie den lokalen Wohnungsmarkt und entwickelten räumliche sowie organisatorische Strategien. Der Austausch machte deutlich, wie unterschiedlich die Rahmenbedingungen sind – und wie ähnlich die strukturellen Probleme europäischer Hochschulstädte bleiben.

Prototyp im Mathematikgebäude

„Campus as Commons“ verlegte den Schwerpunkt von der Analyse zur konkreten Projektentwicklung. Im Fokus: das ehemalige, seit 2023 weitgehend leerstehende  Mathematikgebäude der TU Berlin. Hier stehen Abriss, Sanierung oder Umnutzung zur Debatte

Mit mobilen, reversiblen Elementen werden vier Räume als Pop-up-Wohnen erlebbar gestaltet: ein Doppelzimmer, ein Wohnraum mit Bad, eine Küche und ein Ausstellungsraum. Kooperationspartner wie vonwegenleer, Kunst-Stoffe e.V. und das Haus der Materialisierung unterstützten bei Materialbeschaffung und Re-Use-Strategien. Der Prototyp wird diesen Februar im Rahmen des Erasmus+-BIP gemeinsam mit Studierenden aus Mailand und Danzig für die kommende Ausstellung gebaut.

Am 20. Februar 2026 eröffnet im Mathematikgebäude die Ausstellung. Das Programm beginnt um 16:00 Uhr mit einer offenen Erkundung des Mock-ups, gefolgt von einer Tour um 16:30 Uhr. Im Anschluss diskutieren Beteiligte und Gäste. Wer sich für experimentelles Weiterbauen im Bestand interessiert, sollte diese Veranstaltung nicht verpassen.