kreisl Kiste: Ein Reallabor mit Programm zum Handeln
Von LKW-Plane bis hin zu alten LCD-Bildschirmen: Studierende entwickelten einen Pavillon, der sechs Monate lang mitten auf dem Münsteraner Domplatz steht und zirkuläres Bauen öffentlich verhandelbar machen soll.
Die "kreisl Kiste" steht seit Ende Mai 2026 mitten in Münster: ein 50 Quadratmeter großer Pavillon aus wiederverwendeten Materialien, initiiert von Projektleiterin Laura Krieger (TAFH Münster GmbH) und über mehrere Semester mit Studierenden der Münster School of Architecture (MSA) unter Prof. Anja Rosen entwickelt. Bis Ende September bespielt ein umfangreiches Programm aus Workshops, Diskussionen und Impulsvorträgen das Gebäude – der digitale Kalender listet die Termine. Danach demontiert ein Abbruch- und Recyclingunternehmen die Konstruktion, dokumentiert dabei die Zerlegbarkeit für ein eigenes Forschungsprojekt und lagert die Bauteile ein. Über den nächsten Standort wird bereits verhandelt.
Vom Kiosk-Wunsch zum Reallabor
Laura Krieger und Sophie Weber gründeten das Projekt "kreisl" vor fünf Jahren als Studentinnen der Oecotrophologie. Ihre Ausgangsdiagnose: Über Kreislaufwirtschaft wird viel gewusst, wenig getan. 2023 fragte Laura Krieger die MSA an, ob Studierende einen Verkaufskiosk für zirkuläre Lebensmittel bauen könnten. Anja Rosen weitete die Aufgabe zu einem Pavillon mit Platz für Workshops aus. Der erste Standort scheiterte an fehlender Finanzierung. Als die Idee bei einem Strategieworkshop der Stadt für den Domplatz eingebracht wurde, kam dann das Projekt ins Rollen.
Ein Skelettbaukurs als Ausgangspunkt
Der Entwurf entstand im Wintersemester 2023/24 in einem Skelettbaukurs an der MSA. Anja Rosen gab die Aufgabe vor: ein zirkulärer Pavillon aus gebrauchten Baumaterialien, demontabel, für eine spätere Wiederverwendung nutzbar. Die Studierenden arbeiteten nach dem Prinzip „Form Follows Availability“. Nicht die Form bestimmt das Material, sondern die Verfügbarkeit gebrauchter Bauteile den Entwurf. Aus mehreren Konzepten wurde schließlich der Entwurf von Jakob Eisermann und Noah van Loon gewählt. Beide entwickelten ihn unter Betreuung mit Professur & kreisl-Team bis zur genehmigungsfähigen Planung weiter.
Wenn die Baugenehmigung vorliegt, aber das Material weg ist
Geplant war eine filigrane Zangenkonstruktion aus japanischen Stahlprofilen mit weit auskragendem Schmetterlingsdach, gefunden auf einer Online-Plattform für gebrauchte Bauteile. Bis die Baugenehmigung vorlag, waren die Profile verkauft. Für eine sechsmonatige Standzeit reichte nämlich kein fliegender Bau ohne Genehmigung. Schließlich musste das Team auf schwerere IPE-Profile umkonstruieren. Verbindungsdetails wurden komplexer, die Konstruktion tektonisch massiver. Der Materialwechsel macht eine zentrale Herausforderung des zirkulären Bauens sichtbar: Wo Verfügbarkeit über den Entwurf entscheidet, wird Planung zwangsläufig zum adaptiven Prozess.
Vier Fassaden aus dem, was übrig bleibt
Im Sommersemester 2025 entwickelten Studierende in einem weiteren Kurs Fassaden ausschließlich aus Abfallstoffen. Vier Entwürfe wurden umgesetzt, pro Seite ein anderes System: eine selbstbewässernde Grünfassade aus vulkanisierten Feuerwehrschläuchen, die andernfalls als Sondermüll entsorgt werden, eine Pfosten-Riegel-Konstruktion mit Diffusorfolien aus Altbildschirmen, eine kompostierbare Korkfassade sowie eine Bekleidung aus recycelten LKW-Planen. Den Rohbau errichtete ein regionales Holzbauunternehmen mit seinen Auszubildenden ehrenamtlich. Damit rückte eine Frage in den Prozess, die in der akademischen Debatte um zirkuläres Bauen häufig unterbelichtet bleibt: die Qualifizierung des ausführenden Handwerks. Ohne geschulte Betriebe bleibt Wiederverwendung schließlich ein Entwurfsversprechen ohne Umsetzungspartner*innen.
Zwischen Notwendigkeit und Ausblick
Auch die Innenausstattung folgt der zirkulären Logik. Eine kleine Küchenzeile mit Wasseranschluss und Abwassercontainer erlaubt neben den Fachdiskursen auch Kochworkshops zu zirkulärer Ernährung, wie etwa "Schnippeldiscos" oder Fermentationskurse. Eine Photovoltaikanlage konnte am Domplatz aufgrund starker Verschattung durch Bäume nicht realisiert werden – die Statik ist jedoch vorbereitet, sodass sie an einem künftigen Standort ergänzt werden kann. Die auf dem Putz verlegten Installationen sind funktional gelöst, bleiben gestalterisch aber ein bewusstes Provisorium, das bei einem Wiederaufbau überarbeitet werden können.
Die kreisl Kiste ist damit weniger ein abgeschlossenes Bauwerk als ein öffentlicher Erprobungsraum, in dem sich Fragen nach Materialflüssen, Genehmigungslogik und der Rolle des Handwerks konkret verhandeln lassen. Ergänzt wird der bauliche Ansatz durch das laufende Programm auf dem Domplatz, das Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in direkten Austausch bringt und zeigt, wie Reallabore das Verhältnis zwischen Lehre, Praxis und Stadtgesellschaft in Bewegung setzen können.