Ein Tisch für den Entwurf: Studio Materials in Transit
Bevor der erste Grundriss entsteht, bauen Studierende 28 Arbeitstische aus gefundenen Materialien – und machen den eigenen Arbeitsplatz zum ersten Entwurf.
Wer an der ETH Zürich in das Bachelorstudio von Prof. Débora Mesa Molina kommt, bekommt keinen Tisch zugewiesen. Die Studierenden bauen ihn selbst. Drei Wochen lang verwandelt sich der leere Studioraum in eine Baustelle. Aus ausrangierten Bauteilen, Verpackungsholz, Glasscheiben, Stahlrohren und Reststücken entstehen 28 Arbeitstische, an denen die Studierenden das gesamte Semester arbeiten.
Der Tisch als Werkzeug der Architektur
Dafür räumen die Studierenden zu Semesterbeginn den Arbeitsraum vollständig leer: eine Fläche, die sie sich erst durch den Bau der Tische aneignen. Das erinnert an Enzo Maris Bauanleitung Autoprogettazione von 1974: Möbel aus rohen Brettern und sichtbaren Nägeln, die jede und jeder selbst bauen konnte. Mesa Molinas Studio geht einen Schritt weiter: Der Tisch wird nicht nachgebaut, sondern neu entworfen – und zur ersten Entwurfsaufgabe des Semesters. Die Arbeitsweise folgt einer klaren Haltung, die der Lehrstuhl in seinem Manifest formuliert: „Mistakes are welcome; inaction is not." Fehler gelten als Teil des Entwurfsprozesses, Untätigkeit nicht. Studierende sammeln Materialien, zerlegen vorhandene Objekte und fügen aus den Teilen neue Tische zusammen.
Jeder Tisch folgt einer anderen Logik
Wie lässt sich also aus vorhandenen Teilen ein belastbarer Arbeitsplatz bauen? Die kurze Produktionszeit zwang die Gruppen zu schnellen Entscheidungen. Ein Team beispielsweise, ließ eine Sperrholzplatte weit über einen Unterbau aus mintgrünen Glasscheiben auskragen. Rasterartig mit Gewindestangen verbunden, tragen die Scheiben die Last flächig. Ein anderes Team entschied sich für das Gegenteil: Statt auf feste Stützen zu setzen, arbeitet die Konstruktion mit Zugkräften. Stahlseile mit Spannschlössern ziehen von den Ecken der Platte zu einem Holzpfosten hinunter, an dem zwei Hochlochziegel als Gegengewicht hängen.
Keines der Materialien versteckt seine Herkunft. Die Glasscheiben bleiben Glasscheiben, die Ziegel bleiben Ziegel – nichts wird verkleidet oder überstrichen. Bei gewöhnlichem Studiomobiliar sieht man Funktion und Herstellung nicht an.
Vom Arbeitsplatz zum Ausstellungsstück
Diese Vielfalt an Konstruktionen zeigte sich im Juni 2026 auch außerhalb des Studios, bei der Genova Design Week. Dort standen die Tische erstmals leer, ohne Modelle, Pläne oder Laptops – reduziert auf ihre Konstruktion. Im Studio zählt vor allem, ob ein Tisch hält, was auf ihm liegt. In der Ausstellung dagegen wird er selbst zum Objekt: Besucher können sehen, wie die Glasscheiben verschraubt sind oder woher ein Stahlrohr stammt – Details, die im Arbeitsalltag unter Material verschwinden. Zurück in Zürich verschwinden die Tische wieder unter Arbeitsmaterial und werden erneut zu dem, was sie zuerst waren: ein Werkzeug. Ob sich ihre Konstruktionen unter dieser Last bewähren, wird sich erst im Gebrauch des kommenden Semesters zeigen.