Unheard Spaces: Wenn Landschaft zur Klangkomposition wird
Der „Salon Landschaft“ an der Universität Kassel macht die Döllbachaue hörbar – und stellt das Zuhören vor das Entwerfen.
Fünf Minuten still sitzen, die Augen schließen, nur hören. So starten die Studierenden von Fanny Brandauer die Arbeit vor Ort. Die Landschaftsarchitektin, Kuratorin und Gastprofessorin für Landschaftsästhetik im Entwurf an der Universität Kassel kritisiert, dass im Büroalltag selten Zeit bleibt, Orte wirklich zu erfassen – Planungen entstehen oft am Luftbild, nicht im Raum. Mit ihrem Format Salon Landschaft, das sie im Wintersemester 2025/26 unter dem Titel „Tales of A Landscape“ in die Lehre überführte, kehrt sie das Prinzip um: Erst wenn ein Raum verstanden ist, darf er gestaltet werden. In jedem Semester widmet sie sich nur einem Sinn – nach Sehen und Schmecken war diesmal das Hören an der Reihe.
Akustik als Eigenheit, nicht als Störung
In Architektur und Landschaftsarchitektur gilt Sound meist als Problem: Lärmschutz, Abschirmung, Reduktion. Fanny Brandauer richtet das Ohr neu aus. Räume haben akustische Eigenheiten – und genau die will sie freilegen. Hinzu kommt: Akustik ist eine Informationsschicht, die wir wahrnehmen, bevor wir sehen. Was um die Ecke geschieht, hören wir zuerst. Diese These bildete den Ausgangspunkt für ein Semester, das den Untersuchungsraum nicht über das Bild, sondern über das Ohr erschloss.
Ein unscheinbarer Ort mit Brüchen
Untersuchungsgebiet wurde die Döllbachaue im Kasseler Stadtteil Rothenditmold – ein länglicher, kaum bekannter Landschaftsraum zwischen Kleingärten, Bahngleisen und dem Daimler-Werk. Auf engem Raum trifft hier viel aufeinander: ein winziger Bach, eine Wiese mit Beuys-Eichen aus dem berühmten Documenta-Projekt „7000 Eichen“, eine Anhöhe mit Brachenvegetation und Blick auf den Herkules. Der kurzfristig entdeckte Standort bedeutete ein methodischer Sprung ins kalte Wasser, der Teil der Lehre wurde: gemeinsam herausfinden, was ein Ort hergibt.
Sechs Strategien der Sonifikation
Die Gruppe reiste zuvor nach Berlin und in die Lausitz, wo sie in den ehemaligen Braunkohletagebauen das Gehör schulte. Inputs aus der Soundklasse der Kunsthochschule Kassel, von Sound-Ecologist Ludwig Berger und aus einem Workshop zu Aufnahmetechniken erweiterten das Repertoire.
Die sechs entstandenen Arbeiten reichen weit: „Innerer Puls“ etwa nutzte ein selbstgebautes Biosonifikations-System auf Basis eines Arduino-Mikrocontrollers. Biosensoren leiten schwache elektrische Signale durch Brombeere, Efeu und Ufersegge, der Arduino nimmt sie auf und übersetzt sie per Software in akustische Muster – so werden innere Prozesse der Pflanzen ebenso hörbar wie ihre Standortbedingungen. Eine andere Gruppe übertrug in „Licht- und Schattenspiel“ fünf Schattensituationen der Aue in eigenständige Klavierstücke. „Hall der Halde“ wiederum ließ die Henschelhalde, eine vergessene Industrieablagerung im Hang, selbst zur Erzählerin werden. Besonders konsequent ging „Rekonstruktion Abstraktion“ vor: Feldaufnahmen wurden wiederholt in den Ausstellungsraum eingespielt und erneut aufgenommen – bis raumeigene Resonanzen die ursprünglichen Klangquellen verdrängten.
Hörbar machen, was kein Plan zeigt
Die Ausstellung im Februar 2026 löste den Ort aus seinem Kontext und übersetzte ihn in eine Situation des konzentrierten Zuhörens – zwei Arbeiten liefen laut im Raum, vier über Kopfhörer. Was als Lehrformat begann, formuliert eine konkrete Forderung an die Disziplin: Landschaftsräume sind dichte Beziehungsgeflechte aus menschlichen und nichtmenschlichen Akteur*innen. Wer sie gestalten will, ohne sie zuvor zu hören, übersieht das meiste.