Unsichtbarer Leerstand: Das Studio Permanent Vacancy

Ein Masterstudio untersucht die Schnittstelle zwischen Grandeur und Underground, zwischen Wohnraum und Resträumen, zwischen dem städtischen Boden und den erhabenen Sälen der Grandhotels in Luzern. 

Die Grand Hotels von Luzern prägen bis heute das touristische Bild der Stadt. Während sie noch immer wirtschaftlich erfolgreich betreiben werden, agieren sie isoliert vom städtischen Leben. Trotz ihrer zentralen Lage entlang der Seepromenade bleibt ihre Wirkung jenseits der in sich geschlossenen Hotelwelt begrenzt. Hier übernimmt das Masterstudio „Permanent Vacancy: The (Under)Grand Hotels of Lucerne“ von Céline Bessire und Matthias Winter an der Hochschule Luzern (HSLU) im Herbstsemester 2025. Die Studierenden verschränken den Hotelbetrieb mit der Luzerner Jugend- und Undergroundkultur – und öffnen Räume, die bislang ausschließlich Hotelgästen vorbehalten waren.

Architektur, die unfertig bleiben darf

Als Gegenmodell zur perfekt durchorganisierten Hotelarchitektur arbeitet das Studio mit dem Konzept der „Imperfect Architecture“. Die Eingriffe bleiben bewusst unvollständig. Sie legen keine endgültigen Nutzungen fest, sondern schaffen Räume, die sich aneignen und weiterentwickeln lassen. Neue Treppen, Durchgänge oder Zwischennutzungen durchbrechen die bestehende Choreografie des Hotels und eröffnen Wege, die vorher nicht existierten.

Luxushotels im Doppelbetrieb

Die Studierenden untersuchen sechs der formgebenden Grand Hotels Luzerns – darunter den Schweizerhof, das Palace, das National, das Montana, das Europe und das Beau Séjour. Viele dieser Häuser entstanden um 1900, als Luzern zu den wichtigsten Reisezielen des europäischen Bürgertums zählte. Noch heute prägen sie die Uferpromenade und die Hänge über der Stadt.

Jedes Hotel erhält eine neue Nutzung: Das Hotel National bekommt mit der Lotte Bibliothek einen öffentlichen Wissensort, der Schweizerhof wird zum Austragungsort des Kraut Festivals und das Hotel Europe zur Bildungseinrichtung Education for Integration. Keines der Hotels gibt seine ursprüngliche Funktion auf. Die neuen Programme laufen parallel zum Betrieb und sollen die Räume besetzen, die bisher ungenutzt blieben und sich zur Stadt öffnen.

Beispiel: Hotel Palace

Wie das konkret aussieht, zeigen Jasmin Tietianiec und Silje Aks am Hotel Palace. Sie reaktivieren einen stillgelegten Eingang, richten im Zwischengeschoss eine Bar ein, ergänzen eine Treppe und verbinden zwei Gebäudeteile mit einer Brücke. Die Eingriffe funktionieren wie eine zweite Erschließung: Plötzlich führen Wege durch Bereiche, die bislang nur Hotelgäste betraten. Als fiktiven Bauherrn wählen sie die Luzerner Aktivistengruppe Bruchschetta, die sich seit Jahren leerstehende Gebäude aneignet und mit Konzerten, Ausstellungen oder Treffpunkten öffentlich zugänglich macht. Diese räumliche Praxis übertragen die Studierenden auf das Palace – und bringen eine soziale Ebene in die sonst abgeschottete Hotelwelt.

Wo Leerstand nicht auffällt

Während der Druck auf die Stadt steigt, untersucht das Studio Permanent Vacancy den latenten Leerstand der Grand Hotels: unternutzte Säle, Räume und Zimmer, die Frage der Bedeutung für die Bewohner*innen der Stadt, ausbleibende Öffentlichkeit und das Fehlen von zugänglichen Angeboten, an denen sich alle beteiligen können.

Luzern steht mit diesem Erbe nicht allein da. Historische Grand Hotels prägen viele europäische Tourismusstädte – und mit ihnen eine Form des Leerstands, die selten als architektonische Ressource erkannt wird.