Gläserne Decken und leere Taschen: Let's make room for change!

Eine österreichweite Umfrage legt die systemischen Missstände beim Berufseinstieg offen: Der Nachwuchs fordert neben der Bauwende auch eine radikal soziale Arbeitsreform.

Ein Viertel der jungen Architekt*innen in Österreich kehrt dem Beruf den Rücken – die Mehrheit käme zurück, wenn sich die Bedingungen ändern würden. Das ist eines der härtesten Ergebnisse des Berichts „Let's make room for change!!! – Erfahrungen und Impulse aus den ersten Jahren im Architekturberuf", den die Initiative zkmb (Zwischen Kostenschätzung, Muttermilch und Bauwende) am 12. Mai 2026 in Wien vorstellte. Gemeinsam mit dem Soziologen Rainer Rosegger sowie Ajna und Adna Babahmetović, Robert Temel und Sabina Riss diskutierte das Kollektiv, warum der Übergang vom Hörsaal ins Büro für viele zur Sackgasse wird.

Eine Datenbasis, die bislang fehlte

Initiiert haben die Studie die zkmb-Mitglieder Anna Firak, Judith Kinzl, Silvester Kreil, Theresa Reisenhofer und Marina Resch, methodisch unterstützt durch agentur scan – Raum/Markt/Gesellschaft. Von Anfang Mai bis Ende Juni 2025 streute das Team eine digitale Umfrage im Schneeballprinzip und schrieb unter anderem die Kammer der Ziviltechniker*innen, große Büros und Universitäten an. Das Ergebnis: 493 bereinigte Datensätze von Architekturabsolvent*innen, die ihr Studium in den letzten sechs Jahren in Österreich abgeschlossen haben – die erste derart umfangreiche Erhebung im österreichischen Nachwuchsbereich.

Ein Weckruf

Die Ergebnisse zeigen einen klaren Realitätsschock beim Einstieg in die Praxis: 69 Prozent der Frauen und 51 Prozent der Männer fühlen sich durch ihr Studium nicht ausreichend auf den Beruf vorbereitet. Während Universitäten im Entwurf brillieren, benoten die Befragten wirtschaftliche Inhalte mit 4,45 – also faktisch „ungenügend". Ein Zitat im Bericht bringt den Alltag auf den Punkt: „Finanzierung, Kommunikation und Koordination waren nicht Teil meiner Motivation, Architektur zu studieren, bilden aber 90 Prozent meiner Tätigkeitsfelder im Alltag." Dazu kommt das Geld: 73 Prozent nennen das geringe Einstiegsgehalt eine massive Hürde.

Gläserne Decken

Besonders kritisch liest sich das Kapitel zur Chancengerechtigkeit. Die Branche leidet unter einer starken vertikalen Segregation: Obwohl mehr als zwei Drittel der Absolvent*innen weiblich gelesen werden, sind 63 Prozent der Büroleitungen rein männlich besetzt. Vier von fünf Frauen berichten von Diskriminierungserfahrungen im Berufsalltag. Diese Mischung aus ökonomischer Prekarität, starren Hierarchien und mangelnder Vereinbarkeit treibe laut Umfrage rund ein Viertel der Absolvent*innen aus dem Beruf. Die gute Nachricht: 74 Prozent dieser Aussteiger*innen könnten sich eine Rückkehr vorstellen – sofern sich die Rahmenbedingungen strukturell verbessern.

Let's make room for change

Der Ruf nach Veränderung ist laut. Der Nachwuchs fordert transparente Gehaltsstrukturen, flexible Arbeitsmodelle und eine reformierte Kammer der Ziviltechniker*innen, die ihre Mitglieder tatsächlich vertritt anstatt nur verwaltet. Die Wiener Auftaktveranstaltung bildete nur den Startschuss: Für 2026 plant zkmb weitere Diskussionsforen im DACH-Raum, um die Bauwende auch als soziale Arbeitswende zu begreifen.