Der unendliche Himmel im Raum: Ein Labor für Tageslicht

Von der Messung bis zur sinnlichen Erfahrung – wie ein Labor die Facetten der Lichtplanung erfahrbar macht.

Weder Spiegellabyrinth noch Zerrspiegelkabinett: Der Raum mit deckenhoher Spiegelung ist ein Tageslichtlabor. Die HAWK gehört zu den wenigen Hochschulen in Deutschland und weltweit, die über eine solche Einrichtung mit "künstlichem Himmel" und "künstlicher Sonne" verfügt. Wozu dient aber diese hochspezialisierte Infrastruktur? 

Mehr als eine Frage der Helligkeit

Sonnenlicht beeinflusst Gesundheit, Energieverbrauch und Raumqualität. Frau Prof. Cornelia Moosmann behandelt es nicht nur als bauphysikalische oder energetische Größe, sondern als Gestaltungsparameter. Sie leitet die Studienrichtung Lighting Design und damit auch das Tageslichtlabor der HAWK. Besonders relevant ist die Einrichtung für die architekturbezogene Lichtlehre an der Fakultät Gestaltung, die in Hildesheim sowohl im Bachelor als auch im Master verankert ist. Hier können Studierende Tageslichtsituationen simulieren, analysieren und gestalterisch bewerten. 

Der Raum ist mit einer verspiegelten Innenhülle und einer steuerbaren Lichtquelle ausgestattet. Die Spiegel bilden eine gleichmäßig leuchtende Himmelshalbkugel nach. Damit lässt sich der Sonnenstand für jedes Datum, jede Uhrzeit und jeden Ort der Welt einstellen. Messgeräte erfassen zudem je nach Fragestellung Beleuchtungsstärken zur Ermittlung von Tageslichtquotienten, Leuchtdichten und/oder Kontrasten. Eine solche Ausstattung setzt die Arbeit mit dem physischen Architekturmodell voraus. 

Die Grundlagen 

Der didaktische Mehrwert macht sich besonders in der Grundlagenlehre bemerkbar: Im ersten und zweiten Semester arbeiten Studierende aus Innenarchitektur, Farbdesign und Lighting Design zusammen. Im Labor untersuchen sie, wie Verteilung, Richtung und Farbe der Sonnenstrahlung einen Raum prägen. Hier lassen sich gestalterische Fragen unmittelbar klären: Wie viel Tageslicht erreicht einen Raum? Wo entstehen harte Kontraste? Welche Fenstergröße oder Fassadenausrichtung erzeugt welche Lichtverhältnisse? Auch Energieeinsparungen oder Überhitzungsrisiken lassen sich im Modell ermitteln, um die Energiebilanz eines Baus zu optimieren. 

Ein laufendes Semesterprojekt beschäftigt sich beispielsweise mit der Umgestaltung eines Seminarraums zum Lernlabor für die Fakultät Bauen und Erhalten. Die Ideen und Konzepte der Studierenden berücksichtigen dabei die Bedürfnisse der zukünftigen Nutzenden – unter anderem im Hinblick auf natürliches Licht.

Am eigenen Entwurf

Im weiteren Studium, wenn mehr Fachwissen vorhanden ist, werden die Untersuchungen der Studierenden ausführlicher und spezieller. Für vorgegebene geografische Koordinaten analysieren sie beispielsweise, wie die Sonne auf Fenster und Oberlichter trifft und justieren Fenstergröße, -position oder Verschattung nach. Konkrete Lichtsituationen lassen sich fotografieren und messen. Nun darf man sich aber fragen: Wieso braucht eine Hochschule diese spezialisierte Einrichtung, wenn auch digitale Lichtsimulatoren belastbare, oft sogar präzisere Ergebnisse liefern?

Am Bildschirm oder im Labor?

Im Lighting-Design-Studium greifen analoge und digitale Methoden ineinander. Im Labor lassen sich Reflexionen, Farbtemperatur, Materialität und Atmosphäre intuitiv am Objekt prüfen. Die Sonnenstrahlung wird dadurch nicht nur berechnet, sondern sinnlich wahrgenommen. Digitale Softwarelösungen hingegen sind kostengünstig, maßstabsunabhängig und ermöglichen eine schnelle Rückkopplung auf das 3D-Modell. Die Erfahrung zeigt: Je intensiver Entwerfende mit analogen Lichtsituationen arbeiten, desto präziser können sie digitale Ergebnisse interpretieren. 

Zwei weitere Lichtlabore ergänzen die Infrastruktur der HAWK. Sie bilden das analoge Gegenstück zu digitalen Tools und ein wichtiges didaktisches Instrument. Gerade weil Tageslichtplanung ein zentraler Baustein energieeffizienter und klimagerechter Architektur ist, gehört diese Kompetenz früh ins Studium – von Grundlagen bis zum Spezialwissen.