Retour an den Bestand: Das Reallabor "Post Post"

Sechs Eingriffe verwandeln ein vom Abriss bedrohtes Postgebäude in Bremen in ein Testfeld für zirkuläres Weiterbauen.

Wie viel Eingriff braucht ein Gebäude, damit es weiter funktioniert? Das ehemalige Postamt in Bremen-Kattenturm wartet seit Jahren auf eine Antwort. Für viele wäre der Fall klar: sanieren oder abreißen. Im ReLAB „POST POST“ – einem Lehrinnovationsprojekt der School of Architecture der Hochschule Bremen – verfolgten Prof. Daniela Konrad und Matthis Gericke eine dritte Herangehensweise: gezielte kleine Eingriffe, statt umfassender Sanierung.

In einer temporären Umbauwerkstatt vor Ort montierten die Studierenden neue Raumstrukturen, setzten Innenwände ein und verschoben Teile der bestehenden Geometrie. Jeder Eingriff blieb lokal begrenzt und ließ sich unmittelbar am realen Baukörper prüfen. Das ehemalige Postamt diente gleichzeitig als Arbeitsraum, Materiallager und Versuchsfeld. Am Ende entwickelten die Studierenden sechs bauliche Prototypen, die unterschiedliche Strategien für den Umgang mit Bestand erproben.

Neue Schichten für ein altes Gebäude

Den Mittelpunkt bildete das Testen einzelner Eingriffe am realen Bestand. Die Studierenden zerlegten vorhandene Bauteile, analysierten Schichten und kombinierten sie mit biogenen Werkstoffen wie Hanf, Lehm oder Myzel. Drei Projekte stehen exemplarisch für diesen Ansatz.

Für „Voll abgedreht“ hängten die Studierenden ein Schienensystem mit verschiebbaren Wandelementen in den ehemaligen Großraum und verkleideten sie mit Akustikpaneelen aus Pilzmyzel und gepresstem Hopfen. Der Raum ließ sich dadurch immer wieder neu gliedern und akustisch verändern.

Für „Post Box“ bauten sie mit Materialien, die das Gebäude bereits enthielt: Windfangscheiben, Dachpfannen, Gipsplatten und Kabelkanäle fügten sich zu einem Raum-im-Raum, dessen Herkunft sichtbar blieb.

Bei „Postgrün“ richteten sie den Blick nach außen. Alte Deckenleuchten wurden zu Pflanzmodulen, Baumrinde zu Dämmplatten. So entstand eine zusätzliche Fassadenschicht, die den Stadtraum direkt am Gebäude verändert.

Umbau im Test

Jede Intervention blieb sichtbar als Eingriff im Gebäude lesbar. Gleichzeitig zwang das Arbeiten im Maßstab 1:1 die Studierenden zum direkten Abgleich mit der Realität: Materialien reagierten anders als im Entwurf, Fügungen mussten im Moment des Bauens funktionieren. Was offenblieb – Kostenkalkulation, Brandschutz, Zulassung von Dämmstoffen – müsste vor einer Realisierung im Baualltag erst nachgewiesen werden. Sichtbar macht das Reallabor aber vor allem eines: Punktuelle Eingriffe aktivieren Räume, ohne sie festzuschreiben.

Wie lebt es sich in einem Gebäude, das nie fertig wird? 

Die meisten Reallabore enden dort, wo die Studierenden die Baustelle verlassen. Was danach passiert – wie sich ein Raum anfühlt, der sichtlich provisorisch ist, dessen Wände aus Jutesäcken und Dachpfannen bestehen – bleibt meist offen. POST POST will dort weitermachen: Im kommenden Sommersemester führen die Lehrenden das Format unter dem Titel „Wohnversuche im Bestand“ fort.