Curriculum in Bewegung: Ein Gespräch über die Neue Architekturschule Siegen
In Siegen wird zukünftig eine alte Druckerei zu der Neuen Architekturschule. Eine Summer School im September nimmt das zum Anlass, auch das Curriculum grundsätzlich zu hinterfragen – die Initiator*innen erklären, warum.
Was lernen Architekturstudierende, wenn sich ihr Beruf gerade grundlegend verändert? An der Universität Siegen zieht das Architektur-Department in die Innenstadt: Die alte Druckerei der Siegener Zeitung soll zukünftig die Neue Architekturschule (N_AS) werden – und mit dem Ort ändert sich auch die Lehre. Bereits 2023 arbeiteten Büros, Studierende und Lehrende gemeinsam in einer ersten Summer School nicht nur an Konzepten für die Räume, sondern auch an der Frage, wie dort künftig gelehrt werden soll.
Diese Frage treibt das Department weiter um. Im September 2026 laden Dr. Hannah Schiefer, Kunsthistorikerin und Referentin für die strategische Neuausrichtung des Departments und Prof. Jan Kampshoff, Professor für Raumkonzeption und Entwerfen und frisch gewählter Studiengangsleiter des Bachelorstudiengangs Architektur zur Summer School „Future Curricula Circuit Training“. Eine Woche lang wird dort mit Lehrenden, Studierenden und Gästen verhandelt, wie ein Architekturcurriculum heute aussehen müsste. Vorab erklären beide, warum sie das Curriculum grundsätzlich hinterfragen – und warum das nur als offener Prozess funktioniert. BauNetz CAMPUS wird ebenfalls dabei sein.
Die Neue Architekturschule Siegen entsteht in einem offenen Prozess. Wann war für euch klar, dass dabei nicht nur ein Gebäude, sondern auch das Architekturlernen selbst neu gedacht werden muss?
HS: Schon die erste Summer School 2023 zeigte, dass die Arbeit am Druckhaus weit über eine bauliche Umnutzung hinausreicht. Beim gemeinsamen Arbeiten am Bestand stellte sich sofort die Frage, welche Formen des Lernens, Entwerfens und Zusammenarbeitens ein solcher Ort hervorbringen kann. Architektur war damit nicht nur Gegenstand der Lehre – die Lehre selbst wurde zum Entwurfsprojekt.
JK: Wenn Architektur eine gesellschaftliche Praxis ist, die mit Unsicherheit und verschiedenen Akteur*innen umgehen muss, braucht auch die Lehre neue Räume, Formate und Rollenbilder. Die räumliche Veränderung machte die Notwendigkeit einer curricularen Veränderung unmittelbar spürbar.
Viele Hochschulen passen ihre Studiengänge schrittweise an. Warum habt ihr euch entschieden, das Curriculum grundsätzlicher zu hinterfragen?
HS: Thema ist nicht nur, welche Inhalte ergänzt werden müssen. Es geht darum, welches Verständnis von Architektur ein Curriculum vermittelt. Wenn sich das Berufsbild verändert, ergeben sich auch andere Formen der Wissensproduktion, der Zusammenarbeit und der Verantwortung. Deshalb reicht es nicht, einzelne Module zu aktualisieren – wir überprüfen die Logik, nach der Architektur gelehrt wird.
JK: Architekt*innen werden künftig stärker moderieren, vermitteln, kooperieren und mit bestehenden Ressourcen arbeiten. Planen wird zu einer kulturellen Praxis des Weiterbauens, Reparierens und Aushandelns. Deshalb interessiert uns nicht nur, was gelehrt wird, sondern ebenso wie: Welche Formen der Zusammenarbeit fördern wir? Welche Rollen nehmen Lehrende und Studierende ein? Welche Prüfungsformate bilden kollektive Prozesse angemessen ab? Die Neuausrichtung der Architekturschule ist für uns kein fertiges Reformprojekt, sondern ein offener Such- und Lernprozess.
Wenn ihr an die Architekt*innen der nächsten zehn oder zwanzig Jahre denkt: Welche Fähigkeiten oder Haltungen sollten im Studium stärker in den Mittelpunkt rücken?
HS: Neben gestalterischen und konstruktiven Kompetenzen wird vor allem die Fähigkeit wichtiger, unterschiedliche Wissensformen miteinander zu verbinden. Architektur bewegt sich heute zwischen Technik, Ökologie, Politik und gesellschaftlicher Praxis. Entwerfen heißt deshalb zunehmend: komplexe Zusammenhänge analysieren, verschiedene Perspektiven vermitteln und die eigenen Voraussetzungen kritisch befragen.
JK: Ebenso zentral ist die Fähigkeit, produktiv mit Unsicherheit umzugehen. Viele Aufgaben lassen sich nicht mehr mit Standardlösungen beantworten. Es braucht die Bereitschaft, zuzuhören, Konflikte auszuhandeln und Verantwortung für die sozialen und ökologischen Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen.
HS: Offenheit und Prozesshaftigkeit sind dabei nicht nur Teile unseres eigenen Wegs, sondern auch Themen, für die wir die Studierenden sensibilisieren wollen. Entwerfen ist immer auch ein kultureller und politischer Prozess. Fragen von Fürsorge, Bestandserhalt, Teilhabe und Gemeinwohl werden künftig eine deutlich größere Rolle spielen.
Ihr beschreibt ein Curriculum als etwas, das ausgehandelt wird. Was bedeutet das konkret – und wer sollte daran beteiligt sein?
HS: Ein Curriculum ist weit mehr als eine Studienordnung. Es formuliert – oft implizit – Annahmen darüber, was Architektur ist, welches Wissen als relevant gilt und welche Formen professionellen Handelns eine Hochschule hervorbringen will. Deshalb verstehen wir Curricula nicht als statische Regelwerke, sondern als Prozesse, die regelmäßig überprüft werden müssen. Neben Lehrenden und Studierenden sollten auch Vertreter*innen der Praxis, Kammern, Berufsverbände sowie Akteur*innen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft mitentwickeln.
JK: Aushandlung heißt nicht Konsens. Im Gegenteil: Uns interessieren die produktiven Reibungen zwischen unterschiedlichen Perspektiven. Institutionelle Transformation beginnt dort, wo Differenzen sichtbar werden und sich konstruktiv bearbeiten lassen.
Unter dem Titel „Future Curricula Circuit Training" plant ihr eine Summer School in Siegen. Wie stellt ihr euch diese Woche vor – und was erhofft ihr euch von dem Austausch?
HS: Wir verstehen die Summer School als temporäres Labor für die Zukunft der Architekturlehre. Bevor neue institutionelle Formen entstehen können, braucht es eine Phase der Öffnung: ein Innehalten gegenüber eingespielten Routinen und die Bereitschaft, andere Möglichkeiten zu erproben. Die Summer School soll ein solcher Raum sein – kein Ort der schnellen Antworten, sondern der Beginn eines gemeinsamen Suchprozesses.
JK: Das Bild des Circuit Trainings dient als Leitmotiv. In einem Parcours aus Stationen und Gesprächsarenen verhandeln wir Fragen zu Berufsbild, Macht und Hierarchie, Kompetenzen und Didaktik, Selbstorganisation und institutioneller Veränderung. Workshops treffen auf Diskussionen, Podcast-Sessions auf gemeinsame Abendessen, informelle Gespräche auf öffentliche Debatten. Die Vielfalt der Formate ist kein Selbstzweck: Institutionelle Transformation braucht Räume, in denen unterschiedliche Formen des Aushandelns gleichwertig nebeneinanderstehen. Und es muss natürlich Spaß machen!