Wildwuchs mit System: caoscaos und der landscape-based urbanism
Marc Rieser plant Städte wie Landschaften – wild, gewachsen, adaptiv. Mit einem ersten Preis beim Europan 18 wagt der Hamburger Stadtplaner den Sprung in die volle Selbständigkeit.
Vier Europan-Teilnahmen, drei Preise, eine schrittweise Bürogründung: Marc Rieser entwickelt caoscaos seit 2023 entlang der Wettbewerbserfolge. Nach dem ersten Preis im schwedischen Eslöv startet ab August 2026 ein zweijähriger Planungsauftrag – ein entscheidender Meilenstein für ein Büro, das sich im Takt internationaler Wettbewerbszyklen aufbaut.
#StudioUnderConstruction blickt auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.
Chaos als Methode
Der Name ist Programm: „Alles hat eine gewisse Grundstruktur, auf der das Chaos basiert", so Marc. Er versteht Chaos nicht als Unordnung, sondern als organisch gewachsene Struktur. Es ist jene Logik, die Landschaften prägt, bevor jemand sie plant. In der Natur entstehe Ordnung durch Zeit, Entwicklung und Wechselwirkungen, nicht durch starre Regelwerke. Genau diesen Ansatz überträgt caoscaos auf städtebauliche Prozesse: Natur wird nicht dekorativer Zusatz, sondern Entwerferin.
Marc studierte Landschaftsarchitektur an der FH Ostwestfalen-Lippe in Höxter. Es folgte ein Masterstudium Städtebau an der TH Köln mit Auslandssemester an der Tongji University in Shanghai. Heute arbeitet er an einer Schnittstelle, die er „landscape-based urbanism“ nennt: ein Planungsrahmen, in dem sich Städte entwickeln können. Diese Haltung speist sich aus Berufserfahrung in international ausgerichteten Büros sowie aus einem Lehrauftrag an der FH Aachen. Daraus formierte sich ab 2023 caoscaos – zunächst als Marke und freiberufliche Tätigkeit, inzwischen zunehmend als eigenständiges Büro.
Reinkarnation eines Industrieareals
Das aktuelle Schlüsselprojekt liegt im südschwedischen Eslöv. „life in progress – reincarnation of bruksstaden“ soll ein versiegeltes Industrieareal nahe Malmö in ein gemischtes Quartier mit rund 1.000 Wohneinheiten transformieren. Marcs Ansatz behandelt die Stadt als Ressource, und zwar baulich, ökologisch, sozial und historisch. Statt eines Masterplans entwirft er ein adaptives Framework nach dem „Living-Lab-Prinzip“: „Erste Flächen werden temporär aktiviert – unter anderem von arbeitssuchenden Menschen, die das Areal angeleitet mitgestalten, Material vor Ort wiederverwenden und so etwa einen Gemeinschaftspavillon errichten.“ so Marcs Gedanke. Erkenntnisse aus dieser Aneignung sollen dann direkt in die formelle Strukturplanung zurückfließen.
Ab Sommer 2026 erarbeitet er zusammen mit der schwedischen Verwaltung das sogenannte Planprogramm, eine Mischung aus Rahmen- und Funktionsplanung. Parallel läuft ein partizipativer Prozess mit Fokus auf Ressourcen, abgestimmt mit der Denkmalbehörde, die die historisch gewachsenen Bahnstrukturen schützt. Bemerkenswert: Beim Kick-off begleiteten Marc Bürgermeister und Stellvertreterin einen ganzen Tag lang – eine Wertschätzung, die er im skandinavischen Kontext häufiger erlebe als hierzulande. Verwaltung, Eigentümer*innen und Nachbarschaftsvertretungen arbeiten nach seiner Aussage dort eher auf Augenhöhe als entlang starrer Hierarchien.
Netzwerk statt Belegschaft
Wachsen möchte Marc nicht durch Mitarbeitende, sondern durch Kooperationen. Bereits beim Europan-17-Projekt im norwegischen Arendal („co-krøgenes – community is care“, 2023) entwickelte er den Entwurf gemeinsam mit einem dänischen Team, das einen partizipativen Fokus mitbrachte. Aus der Platzierung beim Europan in Turku (2. Preis, „wild vähäheikkilä“) leitete sich die Anfrage eines italienisch-finnischen Büros aus Hamburg für ein weiteres Projekt in Finnland ab. Ein früherer Erfolg liegt zudem in Deutschland: Bei Europan 15 gewann der Landschaftsarchitekt mit „the productive region“ einen ersten Preis für eine regionale Strategie in Solingen, Ratingen, Wülfrath und Hilden. Diese Erfolge zeigen, dass Europan also nicht als reiner Auftragsgenerator fungiert, sondern vielmehr als europaweites Akquisenetzwerk.
In Eslöv möchte Marc je nach Bauphase mit lokalen Architekturbüros zusammenarbeiten. Das Modell erlaube ihm, sprachliche und kulturelle Lücken zu schließen, ohne fixe Strukturen aufzubauen. caoscaos wächst damit so, wie Marc auch seine Entwürfe denkt: sukzessiv, adaptiv, mit klarem Rahmen, aber offen für das, was sich darin entwickelt.