Neue Wohnungen aus alten Wänden: Studio „Ein Ganzes aus Teilen“

Ein Masterstudio zeigt, wie wenige Eingriffe ausreichen, um Münchens Wohnsiedlungen der 1960er-Jahre neu zu organisieren.

Als München in den 1960er-Jahren Tausende neue Wohnungen brauchte, wuchsen am Stadtrand rasant neue Siedlungen aus dem Boden. Die Wohnungen entstanden nach den Vorstellungen der damaligen Zeit: klare Zimmerfolgen, feste Nutzungen und Grundrisse für die klassische Kleinfamilie. Heute treffen diese Strukturen auf vielfältigere Lebensmodelle und einen wachsenden Bedarf an Wohnraum. Sechzig Jahre später bilden diese Gebäude den Ausgangspunkt des Masterstudios „Ein Ganzes aus Teilen“ an der Hochschule München unter der Leitung von Prof. Sebastian Multerer. An den Standorten Preziosastraße, Rainfarnstraße und Wastl-Witt-Straße entwickelten die Studierenden im Wintersemester 25/26 Strategien, mit denen sich bestehende Wohnungen an heutige Wohnformen anpassen lassen – ohne die Tragstruktur der Gebäude aufzugeben.

Mehr Wohnraum ohne mehr Gebäude

Der Studiotitel verweist auf eine Idee, die sich direkt auf den Bestand übertragen lässt: Eine Wohnung besteht aus einzelnen Räumen, ein Gebäude aus vielen Wohnungen, eine Siedlung aus vielen Gebäuden. Verändert man einen Teil, verändert sich das Ganze. Daher untersuchten die Studierenden zuerst die Wohnung – jede Veränderung im Grundriss wirkt sich auf das Gebäude und schließlich auf das Quartier aus.

Der Bestand als Entwurfswerkzeug

Am Anfang jedes Projekts stand der Abbruchplan. Die Studierenden prüften jede Wand: Welche Funktion erfüllt sie? Welche Räume entstehen durch ihren Rückbau? Wo kann eine Verschiebung die Wohnung an heutige Bedürfnisse anpassen? Die zentrale Aufgabe: Jede Wohnung sollte mindestens einer weiteren Person Platz bieten – nicht durch Anbau oder Aufstockung, sondern durch Umverteilung. Die Studierenden verschoben Wände, verlegten Erschließungen und gaben Zimmern neue Funktionen. Das Tragwerk blieb unangetastet.

Gleichzeitig spielte das Modell im Entwurfsprozess eine zentrale Rolle. Die Studierenden nutzen großmaßstäbliche Schnittmodelle, um ihre Eingriffe direkt am Raum zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Dabei setzten die Studierenden auch Farbe ein, um die neuen Elemente vom Bestand hervorzuheben. Bei Alina Nassetti und Hanna Schwalm zeigt eine klare Rot-Weiß-Codierung die neuen Eingriffe vom Innenraum bis zur Fassade. Magdalena Amberger und Sara Frank entwickeln dagegen eine gefaltete Fassadenschicht, die den Bestand räumlich neu interpretiert und durch gemeinschaftliche Nutzungen im Umfeld ergänzt.

Der Grundriss, der nach außen wirkt

Die Veränderungen bleiben nicht auf den Grundriss beschränkt. Die Fassade macht sichtbar, wie sich die innere Organisation der Gebäude verändert. Neue Balkone und zusätzliche Erschließungen entstehen aus den Wohnkonzepten heraus und geben den Gebäuden eine veränderte Erscheinung. Das Studio zeigt: Auch ohne Abriss und Anbau lässt sich am Bestand einiges verschieben. Indem die Studierenden einzelne Teile neu ordneten, veränderten sie das Ganze – von der Wohnung über das Gebäude bis zur Siedlung.