Pasticceria wird Kulturraum: Leerstandsaktivierung in Ulm
Wenn ein Spaziergang in eine Projektidee mündet, die richtige Unterstützung bei der Umsetzung hilft und aus einem Studierendenteam ein Kollektiv entsteht.
Mit nur je einem Küchenmöbel und Vorhangsystem verwandelte das Team von Studierenden zweier Hochschulen eine ehemalige Pasticceria in einen gemeinschaftlichen Kulturraum. Die temporäre Zwischennutzung in einer von Leerstand geprägten Ladenzeile in Ulm zeigt, wie sich Projekte eigenständig anstoßen und mit wenigen Eingriffen umsetzen lassen.
Das Projekt sucht man sich selbst. Vom Spaziergang zur Besichtigung
Im Sommer 2024 beschlossen vier Studierende der Hochschule Biberach, eine selbstbestimmte Praxis zu entwickeln, die unmittelbar im Stadtraum wirkt. Annika Kirschmer, Johannes Mayer, Diego Suleic und Jakob Schmid suchten in Ulm gezielt nach möglichen Interventionsorten. Für eine Umsetzung benötigten sie jedoch die Unterstützung der Stadtverwaltung – und fanden ein offenes Ohr. Gemeinsam mit Stadtrat Thomas Kienle besichtigten sie im Frühjahr 2025 konkrete Standorte und entschieden sich für eine Gewerbefläche am Trollingerweg 10.
Die ehemalige Konditorei liegt in einer Nachkriegssiedlung der 1950er Jahre und grenzt an eine weitgehend leerstehende Ladenzeile. Die Stadt Ulm hatte das Gebäude über ihr Vorkaufsrecht erworben und an eine soziale beziehungsweise gemeinschaftliche Nutzung gebunden. Für das Vorhaben der Studierenden bot das günstige Voraussetzungen.
Studentische Initiative im Dialog mit der Stadt
Die Projektaufgabe ergab sich im Dialog mit den Anwohner*innen und der Stadt: In der früheren Pasticceria sollte ein temporärer Kultur- und Nachbarschaftsraum entstehen. In Abstimmung mit den Abteilungen Gebäudemanagement und Kultur der Stadt Ulm setzten Jakob Schmid, mittlerweile Student an der TU München, und sein Kommilitone Bernhard Salchegger das Projekt um. Ein freies Seminar an der Professur Urban Design bot ihnen den Rahmen, sich mit dem eigenen Entwurf intensiver auseinanderzusetzen. Der Eingriff beschränkte sich auf zwei Maßnahmen: ein mobiles Küchenmöbel als zentrale Infrastruktur und eine Vorhangkonstruktion für flexible Raumkonfigurationen.
Ein Küchenmöbel als Alleskönner, Vorhänge statt Innenwände
Das über vier Meter lange Küchenmöbel spannt sich zwischen zwei Stützen. Es besteht aus drei beweglichen Korpussen auf Rollen. Während die zwei seitlichen Elemente mit Spanngurten an den Stützen fixiert sind, ist das mittlere versetzbar. Damit der Korpus mit Spülbecken und Herd drehbar bleibt, legte das Team alle Anschlüsse flexibel an. Das Möbel, angefertigt in einer lokalen Schreinerei, besteht aus silber lasierten Multiplexplatten. Passend dazu die Arbeitsflächen aus Edelstahlplatten. Die flexible Anordnung der Möbelelemente und ein Vorhangsystem mit zwei unabhängigen Schienen schaffen im rund 70 Quadratmeter großen Raum immer neue Aufteilungen: vom großen Saal bis zu intimen Nischen.
Obwohl minimalinvasiv, ist die Intervention aussagekräftig. Die präzisen Kanten des Möbels und die Leichtigkeit der Vorhänge kontrastieren mit der rauen Bestandsstruktur. Wandrisse und gläserne Kronleuchter erzählen von der Vergangenheit des Ortes und bilden die Kulisse für die neuen Elemente. Im Winter 2026 weihte die Stadt Ulm den Kulturraum ein.
Weitere Bedarfe identifizieren
Trollingerweg 10 steht für ein Modell der Zusammenarbeit, in dem Planungsbereitschaft auf eine zugängliche Stadtverwaltung trifft und Veränderung in Eigenregie gelingt. Das Team, konsolidiert nun unter dem Namen phaseminuseins, strebt weitere Projekte dieser Art an – auch wenn der Auftrag wirtschaftlich nicht lukrativ war: Die Stadt finanzierte mit rund 20.000 Euro die Umsetzung, die Arbeit des Teams erfolgte ehrenamtlich. Dass solche Initiativen überhaupt realisiert werden, ist erfreulich. Dass sie auf unbezahlter Mehrarbeit beruhen, bleibt die Kehrseite einer ansonsten ermutigenden Praxis.