Der Gast im Grundriss: Neue Wohnmodelle für Lissabons Altstadt
Das Masterstudio „Saudade da Lisboa“ plant Wohnungen mit einem zusätzlichen Gästeraum – und überlässt den Bewohner*innen die Entscheidung, was damit passiert.
Reisende kommen, Ansässige gehen: In Lissabons Altstadt warten viele Wohnungen auf Gäste, die nur für ein paar Nächte bleiben. Die Menschen, die hier seit Jahrzehnten leben, finden dagegen kaum noch bezahlbaren Wohnraum in ihrem eigenen Viertel. Das Masterstudio „Saudade da Lisboa“ an der TU Darmstadt hat sich gefragt, ob sich das ändern lässt. Was, wenn Bewohner*innen selbst darüber bestimmen, wer bei ihnen zu Gast ist?
Unter der Leitung von Prof. Elke Reichel am Fachgebiet Entwerfen und Gebäudetypologie untersuchten Studierende im Sommersemester 2025 historische Viertel in Lissabon und entwarfen Orte, die ältere Menschen im Quartier halten und Gästen zeitweise Raum geben.
Die Altstadt, die ihre Nachbarschaft verliert
Lissabon schrumpft, und trotzdem steigen die Mieten. Die Innenstadt trifft es am härtesten: Allein im historischen Viertel Alfama wohnten in den 1980er-Jahren rund 20.000 Menschen, heute sind es etwa 1.000. Sanierte Altbauwohnungen gehen dabei immer öfter an Gäste statt an langjährige Mieter*innen – für ältere Menschen im Viertel ist das kaum zu bezahlen. Sie ziehen aus der Innenstadt weg, oft an den Stadtrand. Mit dem Umzug verlieren sie alltägliche Wege und die Aussicht, ihren Lebensabend im vertrauten Quartier zu verbringen.
Die Stadt wird zur Collage
Vom 4. bis 8. Mai 2025 besuchten die Studierenden die innerstädtischen Viertel Bairro Alto, Alfama und Mouraria. Sie wollten sich ein konkretes Bild von den Veränderungen machen, mit denen sich das Studio beschäftigte. Vor Ort sahen sie die Spuren des Wandels direkt an den Häusern: Verwitterte Putzflächen treffen auf beschädigte Azulejos, zugemauerte Fenster in Fassaden, an denen einzelne Teile fehlen. Diese Beobachtung prägte auch die Darstellung der Entwürfe. Die Teilnehmenden schichteten unterschiedliche Bilder, Materialien und räumliche Situationen zu Collagen. So übertrugen sie die fragmentierte und von Veränderungen geprägte Stadtstruktur Lissabons in ihre Entwurfsdarstellungen.
Die Wohnung als geteilte Struktur
Mit diesem Bild im Kopf ging es zurück nach Deutschland. Die Aufgabe: ein Wohnhaus zu entwerfen für ältere Menschen, die sich das Leben in Lissabons Innenstadt kaum noch leisten können – barrierefrei, auf der für Lissabon typischen Topografie, mit gemeinschaftlich genutzten Außenräumen.
Ganz aussperren ließ sich der Tourismus dabei nicht: Viele Menschen leben davon, in der Gastronomie, im Einzelhandel, im Dienstleistungssektor. Die Studierenden entwickelten deshalb ein Prinzip, das beide Seiten verbindet. Jede Wohneinheit erhielt einen zusätzlichen Gästeraum – in die Wohnung integriert oder als separate Einheit. Die Bewohner*innen könnten so selbst entscheiden, ob sie den Raum privat nutzen, mit Nachbar*innen teilen oder zeitweise vermieten. Gäste nutzen damit nur einen Bereich innerhalb eines dauerhaft bewohnten Hauses.
Spazieren als Entwurfsprinzip
Wie das räumlich aussehen kann, beantworteten die Entwürfe im Studio sehr unterschiedlich. Manche setzten mit eigenständigen Formen einen bewussten Kontrapunkt zur Altstadt, andere fügten sich zurückhaltend in die Bebauung ein.
Dominik Gumbert gruppierte beispielsweise seinen Entwurf „Passeio Plantado“ auf einem Grundstück an der Rua da Rosa im Norden des Bairro Alto um einen neuen Platz. Zwei Baukörper fassten den öffentlichen Raum, während ein Café, Gemeinschaftsräume und ein offenes Treppenhaus den Übergang vom Quartier ins Gebäude bildeten. Gumbert legte den „Passeio“ – den Spaziergang – in die Erschließung: Zwischen den beiden Baukörpern sah sein Entwurf einen bepflanzten Laubengang vor, der sich über mehrere Geschosse zieht, begleitet von Hochbeeten auf dem Weg zur Wohnung. Wer hier entlangginge, würde nicht einfach einen Flur passieren, sondern könnte Nachbar*innen begegnen oder Pflanzen pflegen. Der Weg sollte damit Abstand zur eigenen Wohnung schaffen, ohne den Kontakt zum Haus zu verlieren – gerade für ältere Menschen ein Anlass, sich zu bewegen.
Wer verwaltet das Gästezimmer?
Eine Frage blieb offen: Wer kümmert sich um die Vermietung? Ältere Bewohner*innen können Check-in, Schlüsselübergabe und Reinigung kaum allein stemmen. Übernimmt das die Hausgemeinschaft? Eine Genossenschaft? Ein externer Dienst? Von der Antwort hängt ab, wie viel vom Gästezimmer am Ende noch Wohnraum für die Nachbarschaft bleibt – und wie viel doch wieder zur Ferienwohnung wird.